1899: Vom Pädagogium ans Ende der Welt + zurück
Die Weltreise einer Postkarte

- „GRUSS AUS Bad Sachsa a./Südharz“
Herr Karl Sterybach [Deutschland], Sachsa a. Harz Pädagogium, schrieb am 09. Februar 1899 diesen „Gruss aus Bad Sachsa per „Welt“-Postkarte
an
Herrn F. Stuhlmann
in Neu Kaledonien: bei Australien.
Stadt Noumea


Noch am selben Tag wurde diese Postkarte beim hiesigen Kaiserlichen Postamt in Bad Sachsa a. Südharz übergeben und die Briefmarke zu
10 Reichspfennig entwertet mit dem Stempel *SACHSA* 9 2 99.
Herr Karl Steryhark schrieb:
Bad Sachsa a/Südharz d. 9.II.99
Lieber Herr Stuhlmann
… der meine Karte erhalten
haben, schicken sie mir doch ….
Mit besten Grüßen. Karl Sterzbach,
Wenn da nicht mehr anwesend,
Liste zurück nach Karl Sterzbach,
Deutschland, Sachsa, am Harz,
Pädagogium.
Bitte grüßen Sie Arthur von mir. und Lieschen
[Anmerkungen: Arthur könnte auch Oskar sein, und Lieschen…
Auf dieser Postkarte werden gezeigt das „Berghotel Eulingswiese“, „Der Katzen-stein v. Osten“, der „Teich mit Katzenstein“ und eine „Partie im Katzenthal“. Diese schöne Lithographie wird noch am 9. Februar 1899 zum Bahnhof Bad Sachsa gebracht worden sein und

den Weg per Bahnpost über Northeim nach vermutlich Hamburg gefunden haben.
Am kommenden Tag, einem Donnerstag, erreichte diese Karte den Freihafen und

konnte dort verschifft werden z.B. auf die Salier [Dieses Schiff wurde 1875 als

Passagierschiff des Norddeutschen Lloyd in Dienst gestellt und nahm am 14. Juli 1886 als erster deutscher Reichspostdampfer die neue Linienverbindung nach Australien auf.] Die Routen der Reichspostdampfer führten damals von Norddeutschland über europäische Zwischenhäfen wie Southampton, Antwerpen und Marseille weiter nach Australien.

6. Hafen von Marseille
7. Hafen von Southampton

Entweder ging es direkt auf der „Salier“ weiter oder die Postsäcke wurden in einem dieser Hafenstädte auf ein anderes Schiff umgefrachtet, welches zuerst den Atlantischen Ozean

durchquerte, um entweder Kap Hoorn zu umsegeln [der Panama-Kanal stand erst seit 1914 zur Verfügung] oder aber, was ich für wahrscheinlicher halte, den Seeweg über das Kap der guten Hoffnung Richtung Asien und weiter nach Australien zu nehmen.
Beispielsweise fuhr die „Peter Rickmers“, 1889 in Schottland vom Stapel gelaufen, im Jahre 1898 und 1899 über New Yoirk und Kobe [oder Hongkong] nach Rangun [heute Myanmar, ehedem Birma], welches damals ebenfalls unter Englischer Herrschaft stand.

9b) Viermastbark Peking, heute Museumsschiff in New York

Die „Flying P-Liner“
Die Hamburger Reederei F. Laeisz verfügt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nach und nach über eine Flotte von Frachtseglern, darunter die P-Liner. Da die Gattin des Reeders, Sophie Laeisz, den Spitznamen „Pudel“ trug, ließ ihr Mann viele seiner auf Namen taufen, die mit einem „P“ begannen. Als „Flying P-Liner“ wurden die Großsegler bekannt, weil sie im Vergleich mit anderen besonders schnell und zuver-lässig waren.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts beförderten sie trotz starker Dampfschiff-konkurrenz u.a. Güter von Europa nach Chile und zurück. Vor und während des Ersten Weltkrieges war Chilesalpeter als Düngemittel und zur Herstellung von Sprengstoff begehrt. Bei der Umrundung Kap Hoorns mussten sich Kapitän und Matrosen ganz auf ihr seemännisches Geschick und die Segel ihres P-Liners verlassen, denn ihr Schiff besaß keinen Hilfsmotor. Die letze Reise eines P-Liners um Kap Hoorn wurde 1949 von der „Pamir“ unternommen.
[„Rund um Kap Hoorn“, von Horst Glameyer. Internet 07.02.2013]
Unsere schöne Lithographie erreicht auf jeden Fall Australien, genauer die Hauptstadt „SYDNEY“ der damaligen Kolonie New South Wales,
am 15. März 1899,
also nach 5 Wochen Reisezeit [davon 2 Tage Landweg].


Nach dieser Abstempelung in Sydney gings wieder in den Postsack an Bord eines Schiffes dem vermeintlichen Endziel Neukaledonien entgegen.
Sie kommt dort wenige Tage später (Ende März) an.
11. Neukaledonien
Da die Postkarte bereits am 15. März 1899 in Sydney abgestempelt wurde, aber erst am 25. Juli 1899 in Nouméa einen Stempel erhielt, war sie offensichtlich über vier Monate unterwegs. Für die reine Überfahrt zwischen Australien und Neukaledonien benötigten Postschiffe damals jedoch nur etwa 4 bis 11 Tage.
Die Karte wird schlichtweg im Postamt von „NOUVELLE.CALEDONIE NOUMEA“ gelagert worden sein – offensichtlich hatte man den Versuch unternommen, die Karte dem Herrn Stuhlmann zuzustellen – Der Briefträger stellt allerdings schriftlich auf der Karte fest, daß Herr Stuhlmann hier „inconnu“ ist [französisch für „unbekannt“] – das bestätigt er mit seiner Signatur und vorgesetzt „Lt.“ [laut KI 21.08.2026: „Die vermeintliche Signatur „Lt.“ steht im französischen Postwesen dieser Epoche als offizielle Abkürzung für „Le Facteur“ (Der Briefträger). Der zuständige Briefträger hat die Unzustellbarkeit also persönlich abgezeichnet].

Unzustellbare Post aus dem Ausland wurde im Postamt von Nouméa vorschrifts-mäßig mehrere Monate gelagert (Poste Restante), falls sich der Empfänger doch noch gemeldet hätte.
Da die Karte aber unzustellbar, der Empfänger unbekannt ist und keiner die Karte haben will, wird sie am 25. Juli 1899 in Nouméa für den Rücktransport nach Sydney freige-geben, wieder kam der reguläre Postverkehr ins Spiel. Für die Rück-reise nach Sydney Ende Juli 1899 kamen zwei Schiffe infrage:

Die Polynesien (Messageries Maritimes): Der französische Postdampfer lag im Juli in Nouméa und trat kurz nach dem 25. Juli seine reguläre Rückreise nach Australien an. Für französische Rückläufer-Post wurde bevorzugt die eigene französische Linie genutzt.
Die Birksgate (A.U.S.N. Co.): Sie erreichte Nouméa um den 25. Juli herum und nahm auf ihrer anschließenden Rückfahrt nach Sydney die australische Rückpost wieder mit. Dieses Schiff war u.a. unter dem Kommando von Kapitän Thorpe wie auch C.E. Saunders
Der Ankunftstempel aus
„SACHSA 14 8 99“ bestätigt den kompletten Verlauf dieser Postkarte.

Mit einer Transportzeit von nur 20 Tagen (vom Bearbeitungsstempel in Nouméa am 25. Juli bis zur Ankunft im Südharz am 14. August) war die Karte auf der damals absolut schnellsten Route nach Europa unterwegs. Dies liefert klare historische Beweise für den Verlauf und die beteiligten Schiffe:
Der Reiseweg über die „Suez-Route“ (Brindisi-Express)
Eine Transportzeit von 20 Tagen war 1899 von Ozeanien nach Deutschland nur über die sogenannte Überlandroute (Suez-Kanal und Brindisi-Expresszug) möglich. Die Karte reiste nicht den gesamten Seeweg bis nach Frankreich oder England, sondern wurde im italienischen Hafen Brindisi von Bord gegeben. Von dort raste sie mit dem legendären Peninsular Express der Eisenbahn durch Europa direkt nach Deutschland.
Der Stempel vom 25. Juli in Nouméa deckt sich exakt mit dem Fahrplan des französischen Postdampfers Polynesien der Reederei Messageries Maritimes. Die Polynesien betrieb den exklusiven, staatlich subventionierten Postdienst zwischen Neukaledonien, Australien und Europa.

Der historische Verlauf lässt sich nun taggenau rekonstruieren:
- 25. Juli 1899 (Nouméa): Nach Ablauf der Lagerfrist wegen Unzustellbarkeit wird die Karte endgültig als Rückläufer abgefertigt und erhält den Absendestempel. Die Postsäcke werden direkt an Bord der im Hafen liegenden Polynesien gebracht.
- Ende Juli 1899 (Passage nach Australien): Die Polynesien läuft aus Nouméa aus und nimmt die Route über Sydney, Melbourne und Adelaide.
- Mitte August 1899 (Der Post-Transfer): Um die Post nach Europa extrem zu beschleunigen, nutzten die französischen Postdampfer zu dieser Zeit eine logistische Abkürzung: Sie luden die Postsäcke im südaustralischen Adelaide (oder manchmal in Colombo/Suez) um. Die Post wurde auf die noch schnelleren, wöchentlichen britischen Express-Postdampfer (der P&O Line oder Orient Line) übergeben, die die Route über den Suezkanal nach Brindisi (Italien) fuhren. [1]
- ca. 11.–12. August 1899 (Brindisi, Italien): Die Posttaschen erreichen Südeuropa. Sie werden im Hafen von Brindisi sofort auf die Bahn verladen.
- 14. August 1899 (Bad Sachsa): Der Postzug bringt die Sendung über den Brennerpass nach Deutschland. Am Montag, dem 14. August 1899, erreicht sie das Postamt in Bad Sachsa, wo sie den finalen Ankunftstempel erhält.
Fazit für den Rückweg
Diese Karte wurde befördert auf dem stolzen französischen Liner Polynesien. Durch die Verkettung von Unzustellbarkeit in der Südsee und dem anschließenden Transport über die prestigeträchtige Suez-Brindisi-Expressroute erlebte dieses Poststück im Sommer 1899 eine logistische Meisterleistung des späten 19. Jahrhunderts.
Der Hinweg über Kap Hoorn entspricht circa 14.000 Seemeilen [ungefähr 26.000 km] – Der Rückweg über den Suez-Kanal, bedeutend kürzer!, betrug weit über 11.000 Seemeilen (über 20.000 km]. In Summe ist diese Karte also rund 25.000 Seemeilen bzw. 46.000 km unterwegs gewesen
Der Hinweg über Kap Hoorn entspricht circa 14.000 Seemeilen [ungefähr 26.000 km] –
Der Rückweg über den Suez-Kanal, bedeutend kürzer!, betrug weit über 11.000 Seemeilen (über 20.000 km].
In Summe ist diese Karte in 1899 also rund 25.000 Seemeilen bzw. 46.000 km unterwegs gewesen!
Die Luftlinie beträgt heute lediglich 2x 16.152 km –
ob aber die Post heute schneller wäre als in 1899….???
Aber wem galt dieser ganze Aufwand? Wer sollte diese Postkarte erhalten?
Das Vorhandensein des Namens Herr F. Stuhlmann macht diese Postkarte zu einem kulturhistorisch und kolonialgeschichtlich herausragenden Sammlerstück! Es handelt sich hierbei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den berühmten deutschen Zoologen und Afrikaforscher
Dr. Franz Ludwig Stuhlmann (1863–1928).
„Franz Ludwig Stuhlmann war ein deutscher Zoologe und Afrikaforscher. Nach dem Besuch des Realgymnasium studierte er Naturwissenschaften in Hamburg, Tübingen und Freiburg. 1886 promovierte er zum Dr. phil.
Mit finanzieller Unterstützung der Akademie der Wissenschaften Berlin brach er im Februar 1888 nach Ostafrika auf. Vor Ort forschte er auf Sansibar, sowie an der gegenüberliegen-den Festlandsküste und an der Sambesi-mündung. 1890 nahm er an einer Expedition Emin Paschas zur Seeregion Ostafrikas teil.
1905 [Foto + Text: Geographischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin]

Die Expedition brach am 26. April in Bagamoyo mit sieben Deutschen, 150 Askaris und 400 Trägern auf. Nach einer Pocken-Epidemie musste er die gesunden Teilnehmer von Undussuma in der Nähe des Albertsees fortführen. Nach vergeblichem Warten auf Emin Pascha setzte er seine Reise zur Küste fort. Sein während der Expedition gesammeltes botanisches, zoologisches, völkerkundliches und geographisches Material fand 1894 seinen Niederschlag in seinem 901seitigen Buch „Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika“. 1893 trat er seinen Dienst als „ausseretatsmäßiger Beamter mit Hauptmannsrang für kartographische und wissenschaftliche Untersuchungen“ in Deutsch-Ostafrika an. 1903 erfolgte die Ernennung zum Direktor des biologisch-landwirtschaftlichen Instituts in Amani/Deutsch-Ostafrika in den östlichen Usambarabergen. 1908 wurde Stuhlmann tropendienstuntauglich gestellt und so kehrte er im selben Jahr nach Deutschland zurück. Seinen neuen Wirkungskreis fand er 1908 im Kolonialinstitut in Hamburg. lies sich aber bereits 1910 in den Ruhestand versetzen. 1921 folgte eine erneute Verbeamtung. Er wurde Direktor des Nachfolgeinstituts des Kolonialinstituts, dem Hamburgischen Weltwirtschafts-Archivs.“
„Franz Stuhlmann war einer der bekanntesten Naturforscher des deutschen Kaiserreichs. Er erlangte Weltruhm, als er ab 1890 gemeinsam mit dem Afrikaforscher Emin Pascha die großen Seenregionen Zentralafrikas erforschte. 1893 wurde er hoher Kolonialbeamter in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Er sammelte zehntausende zoologische und botanische Präparate für deutsche Museen.
Zu Beginn des Jahres 1899 – als die Karte im März in Sydney aufgegeben wurde – befand sich Franz Stuhlmann im Heimaturlaub in Deutschland, bereitet jedoch seinen nächsten großen Auslandseinsatz vor.
Der Weg über Kap Hoorn von rund 14.000 Seemeilen, das entspricht einer Entfernung von ungefähr 26.000 km, wird erreicht am