Albin Müller
sich selbst nennend: Prof. Albinmüller

Albin Müller, auch bekannt unter dem Künstlernamen Albinmüller,
[* 13.12.1871 in Dittersbach (Ergebirge); † 02.10.1941 in Darmstadt;
vollständiger Name: Albin Camillo Müller)] war ein deutscher
Architekt, Pädagoge und Gestalter des Jugendstils.
Er war ab 1906 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie
[später deren leitender Architekt]

Auch am/im Harz hat Prof. Albinmüller deutliche Spuren hinterlassen:
Hervorzuheben sind in Braunlage das „Sanatorium Dr. Barner“ [1900 gegründet. Der berühmte Jugendstil-Architekt und -Designer Albin Müller kam 1903 zunächst als Patient in die Klinik und gestaltete ab 1912 den bedeutenden Erweiterungsbau (das Mittelhaus), das 1914 fertiggestellt wurde. Heute dient das geschützte Gebäude weiterhin als Fachklinik für Psychosomatik. Wikipedia]
und den „Albinmüller-Turm“ in Magdeburg.
Aber auch in Bad Sachsa hat er an zwei Projekten gearbeitet:
1. Umbau der Villa Pahlke
2. Rathaus-Umbau

1. Umbau der Villa Pahlke

Professor Albinmüller zeichnete den Entwurf zu diesem Umbau in 1928

1932 [vmtl.] [Foto: Max Pahlke jr. auf Facebook]

VORHER DAS SELBE HAUS NACHHER

1920er
[Foto: P. Beyermann, Facebook 1.5.2020]

Baujahr: 1905
Adresse: Erbhai 2
Bauherr: Eduard Wegener, Berlin
Entwurf: Eduard Wegener, Berlin
Ausführung: Baumeister E. Wegener

1950er
[AK-Ausschnitt: Slg. R. Boehm]

Umbau: 1928/1931
Erbhai 2, Waldsaumweg 15c
Max Pahlke
Prof. Dr. Albin Müller
Josef Gremm

Die Lage der Villa

1912 [AK-Ausschnitt: Slg. R. Boehm]
Circa 1920 [Pharus-Plan, Ausschnitt]

Vom Bauherren selbst nur wenige Wochen genutzt…

Mit der „Amerikanischen Villa“ sind die Namen von Max Pahlke, Albinmüller und Joseph Gremm verbunden. Der erste war Bauherr, der zweite der entwerfende Künstler und Architekt und der dritte der mit vielen Freiheiten ausgestattete ausführende Baumeister. Dies allerdings geschah erst 1929 auf 1930.

Zunächst war 1905 die Firma Kälz am Zuge und errichtete für den Berliner Baumeister Eduard Wegener eine Villa, die auch heute noch den Kern des erheblich erweiterten Gebäudes bildet. Dessen Ära begann, als der General-direktor der Firma Mannesmann für Südamerika, Max Pahlke, sich die Villa zu seinem Altersruhesitz umbauen ließ. Hierfür engagierte er den herausragenden Jugendstil-Architekten Albinmüller aus Darmstadt. Dieser lebte von 1871 bis 1941 und war zeitweise Leiter der berühmten Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe, die sich, von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt ins Leben gerufen, zu einem Mekka des Jugendstils entwickelte, welches mit weite-ren berühmten Namen wir Josef Maria Olbrich oder Bernhard Hoetger verbunden ist. Albinmüller stand für den ganzheitlichen Ansatz, d.h. seine Hausentwürfe sind von der Fassade über die Fenster, die Treppenhäuser bis hin zur Wandvertäfelung und dem Mobiliar durchkonstruiert. Alles passt zueinander.
Einer seiner Schüler war Joseph Gremm (1905 – 1966), der sich später in Bad Sachsa niederließ und ein Baugeschäft (später Gremm & Niemerg) gründete. Viele Details der „Villa Pahlke“, die ob des amerikanischen Betätigungsfeldes des Eigen-tümers wohl diesen Namen bekam, sind nicht mehr auf Albinmüller, sondern ihn zurückzuführen. Pahlke selbst nutzte das Gebäude nur wenige Wochen, seine Familie deutlich öfter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Pahlke nicht mehr nach Bad Sachsa zurück, sondern blieb in Argentinien. Die englischen Besatzungstruppen nutzen das Haus als Offizierskasino. Pahlke überschrieb es, seiner sozialen Grundhaltung entsprechend, Anfang der fünfziger Jahre der Arbeiterwohlfahrt („Haus Westfalen“). 
Der Niedergang des Kurwesens führte 2000 zu einem Verkaufsversuch, welcher fehlschlug, aber diverse Schäden am Haus und einige schmerzliche Verluste, darunter das Gemälde „Das Kreuz im Gebirge“ (eine Kopie nach Caspar David Friedrich, speziell zur Vertäfelung angefertigt), hinterließ. Von 2004-2019 nutzte die AWO das Haus und seine An- und Erweiterungsbauten wieder selbst und stellt es für Tagungen und andere Zwecke zur Verfügung. 

Auf der Talseite des Waldsaumweges befinden sich ein Teil des ehemaligen Parks der Villa und mitten darin ein gleichfalls von Albinmüller konzipierter, leider in die Jahre gekommener „Märchenbrunnen“. 

Mancher mag mit dem Jugendstil andere Vorstellungen verbinden. Tatsächlich hat er viele unterschiedliche Ausprägungen, und das Bad Sachsaer Ensemble zählt, dies sei nicht übersehen, zu den späten Schöpfungen Albinmüllers, der im Harz noch, wesentlich früher und daher vielleicht auch „typischer“, das Sanatorium Dr. Barner in Braunlage entworfen hat. Auch dieses höchst interessante Bauwerk ist uns erhalten geblieben, während auf der Mathildenhöhe in Darmstadt vieles den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen ist.

Der Hühnerstall 

Spätestens 1925 erwirbt MAX PAHLKE das Anwesen und „beabsichtigt auf seinem Grundstücke am Waldsaumwege einen kleinen Hühnerstall [durch Baugeschäft H. Kälz, Ringstr. 11] zu errichten.“, der so klein dann aber doch nicht werden sollte: „das Fundament und der Sockel von Beton bezw. von Bruchsteinen hergestellt, die Umfassungswände werden von Holzfachwerk und ausserhalb mit Bret-tern und Deckleisten verkleidet. Das Dach wird mit Brettern verschalt und mit Teer-pappe eingedeckt… Die Bausumme beträgt ca. 250 M.“. Unterschrieben von „Gertrud Schmetzstorff f. Max Pahlke“. Der Bau eines Hühnerstalls war in den 1920er Jahren in Bad Sachsa, insbesondere auf dem Pfaffenberg, nichts Ungewöhnliches. Ob er die Jahrzehnte überstanden hat, ist z.Zt. noch nicht bekannt. 

Prof. Albinmüller beschreibt sein Arbeiten
für Max Pahlke:

„Nachdem ich länger als ein volles Jahr von den Meinen, meinem Hause, meinem Atelier entfernt gewesen, kehrte ich nach Darmstadt zurück und genoß sehr die entbehrte Verbindung mit meiner Familie und die Annehmlichkeiten der eigenen Häuslichkeit. Von Magdeburg aus und bei kürzeren Besuchen hatte ich im Herbst des Vorjahres die Errichtung des „Darmstädter Löwentores“ auf der Rosenhöhe, am Eingang des Großherzoglichen Hofgartens, geleitet. Am 26. November, dem Geburtstage des Großherzogs, konnte das Löwentor, das als Erinnerungszeichen des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Künstlerkolonie galt, der Öffentlichkeit übergeben werden. Ein festliches Abendessen im Neuen Palais, zu dem die hiesigen und auswärtigen „Stifter und Freund“ geladen waren, betonte diese Feier. –
Dreizehn Jahre lang hatte ich um die Wiederaufrichtung dieses Monuments werben müssen. Der Großherzog hatte sogar schon einmal – auf Veranlassung des Grafen Hardenberg – der für diese Arbeit nicht das geringste Interesse zeigte – Teile des Löwentores verschenkt. Ich mußte alle Hebel in Bewegung setzen, um dieses Geschenk wieder rückgängig zu machen. Doch nun gilt das Löwentor als ein Wahrzeichen Darmstadts und wird von jedem Fremden, der zu unserer Mathildenhöhe gepilgert kommt, aufgesucht.

Nach dem pulsierenden Treiben um die Magdeburger Ausstellung erschien mir die Stille der Mathildenhöhe wie ein Traum. Außer einem Hausbau und Umbau in der Pfalz für eine feinsinnige Bauherrschaft hatte ich wenig zu tun.
Da erschien eines Tages unangemeldet ein Deutsch-Amerikaner mit seiner Frau in meinem Atelier. Sie sprachen von einem Umbau ihrer im Harz befindlichen Villa. Sie hatten lange in meinem Atelier auf mich gewartet und erklärten, daß die dort hängenden, von mir gemalten Landschaftsbilder Ihnen schon von meiner ihnen zusagenden Wesensart gekündet hätten! – wir kamen während der Unterhaltung in einen guten Kontakt. Als ich nun, am 4. Januar 1928, in den Harz zu Herrn Generaldirektor Pahlke reiste, zeigte es sich, daß dieser Umbau eine Sache von größerem Ausmaße war. Es blieb in der Folgezeit von dem alten Hause nicht viel mehr bestehen als der Küchentrakt und ein Teil der Umfassungsmauern.

Leider konnte ich die Bauherrenschaft nicht dazu bewegen, das Äußere und das Innere des nun großzügig und stattlich geplanten Hauses rein im Stilcharakter unserer Zeit zu formen. Sie wollten, wie die meisten Amerikaner, wohl alle technischen Neuerungen; indessen die künstlerische Gestaltung wünschten sie in einem „historischen Stil“. –
Sie sprachen mit Entsetzen von dem Grauen, das ihne bei ihrer Reise durch Deutschland die Sachlichkeitsbauten und Inneneinrichtungen der „übermodernen“ deutschen Architekten bereitet hätten. Es ist bezeichnend und typisch für die Amerikaner – wie auch für viele gewisse Großindustrieller -, daß sie in ihren Wohnungen eine gewisse „Romantik“ wünschen, die ihnen, wie sie meinen, nur eine historische Stilrichtung geben könne. Als Geschäftsleute schätzen sie in ihren Büros, in ihren Fabrikbetrieben jede rationelle technische Neuerung und reine Sachlichkeit. Auch wissen sie um die klare und dabei schöne Zweckform ihres Autos, ihres Motorbootes oder des Flugzeuges. Aber in ihrem „Zuhause“ wollen sie, mit Recht, neben allen nützlichen, technischen Einrichtungen doch ein „Etwas“, das über die Zweckform hinausgeht. Sie wollen das finden, was nicht nur zum Verstand, sondern auch zur Seele sprcht, sie wollen – bewußt oder unbewußt – das Gemüt zu seinem Rechte kommen lassen. Und sie meinen, dies wäre nur durch historische Stile oder in Nachbildungen derselben zu erwarten. Sie wissen nicht und glauben es zuerst nicht, daß der rechte Bau-Künstler ihnen die gleichen gesteigerten Empfindungen mit den künstlerischen Ausdrucksmitteln seines Gemütes und mit den Kunstformen der lebendigen Zeit schaffen kann!

Ich habe mich trotzdem bei der reichen Innenausstattung des Pahlke`schen Hauses, bei den Wandvertäfelungen, Holzschnitzereien, Möbeln und Einrichtungsstücken nirgends an einen streng historischen Stil gebunden. sondern habe alles nach eingem Formgefühl gestaltet, wobei allerdings meine Stilstudien aus früherer zeit sich als sehr anregend, wertvoll und nützlich erwiesen. Da der Bauherr mit seiner Familie während der ganzen zweijährigen Bauzeit nicht zugegen war, sondern in Süd-Amerika weilte, konnte und mußte ich hierbei, wie auch in der Verwaltung der verfügbaren Baugelder, ganz selbständig handeln. Als die Bauherrschaft Ostern 1930 für den Sommeraufenthalt in das bis in alle Einzelheiten ausgestattete Haus einzog und alles zur Zufriedenheit gestaltet fanden, ging sie mit Begeisterung und mit Worten des Dankes durch die Räume des Hauses und durch die Anlagen des ebenfalls nach meinen Angaben angelegten Parkes….“ [Manuskript: Slg. Ralph Boehm]

Nun im Einzelnen einige Belege aus dieser Zeit:

Umbau und Einfriedung der Villa stehen an

Zimmermeister Otto Heise, der „die Zimmerarbeiten zum vorhandenen Wohnhaus z.Z. auch von seier Fa.“ ausführen lässt, sendet diesen Kostenvoranschlag mit Datum 25.01.1928 an Herrn Architekt Prof. Albinmüller, Darmstadt:

25.01.1928 [Brief: Slg. R. Boehm]

ARCHITEKT PROF. ALBINMÜLLER DARMSTADT-KÜNSTLERKOLONIE
ATELIER: ERNST-LUDWIG-HAUS /
FERNSPRECHER: NR. 520 / WOHNUNG: NICOLAIWEG 16

„Es ist wohl mit Bestimmtheit zu erwarten, dass die an dem Grundstück Erbhai 2 vorbeiführende Strasse „Waldsaumweg“ in absehbahrer Zeit reguliert und in einen besseren Zustand versetzt wird. Ich bitte deshalb um gefällige Angabe über die zukünftige Strassenhöhe. Da ich, im Auftrage des Herrn Direktor Pahlke, in aller Kürze mit der Neuerrichtung der Einfriedungsmauer Erbhai 2 beginnen will, so wäre ich für einen baldigen Bescheid besonders dankbar.
Ganz ergebenst Prof. Albinmüller

21.06.1928 [Brief, StABS I.18.2]
Oben: 30.06.1928
links: 11.08.1928
ganz links: 25.08.1928
[StABS I.18.2]
Visitenkarte des „JOSEF GREMM / ARCHITEKT / FRIEDRICHSTR. 34 / DARMSTADT
[vmtl. 1929]

Der Plan für den Umbau mit den beiden Signaturen von
Prof. Albinmüller und Max Pahlke

Baupolizeilich geprüft / Nordhausen, den 20.3.28 / Der Kreisbaumeister: Blau.

Eine Kopie des Bauplanes hängt im Wintersport- + Heimatmuseum Bad Sachsa

Josef „Jupp“ Gremm (im Auftrag von Prof. Albin Müller) + Direktor Max Pahlke planen Großes.
[Erbhai 2. 1930, 3 Fotos: Slg. M. Wedler]
Josef Gremm begründet mit diesem Umbau in 1929/1930 das Baugeschäft, welches sein Schwiegersohn August Niemerg später als Gremm & Niemerg in das 21. Jahrhundert überführt.
Visitenkarte des „Josef Gremm. Architekt / Bad-Sachsa/Harz“
[vmtl. 1930]

Baubüro Prof. Albinmüller,
Bauführer Gremm, Bad Sachsa,
Erbhai 2. Telef. 118.

13.XI.29 / An den Magistrat
der Stdt Bad Sachsa
„Beim Fertigstellen der Hofpflasterung … macht es notwendig, um eine bessere Einfahrt zu er-zielen, vor dem Tore ca 50 qm Strasse ebenfalls mit Kleinpflaster zu versehen…“
Baubüro Professor Albin Müller Gremm.

„Bau / Pahlke / Bad Sachsa“:
Alle sind zufrieden mit dem, was sie gemeinsam geschaffen haben.
Bauherr: Max Pahlke [ganz rechts stehend im dunklen Anzug]. Bauumsetzung im Namen des Prof. Albinmüller: Josef „Jupp“ Gremm [oben mittig im weißen Kittel über dunkler Weste].
Aus der Arbeiterschaft ist mir bisher lediglich bekannt der junge Mann in der untersten Reihe 3.v.l.: das „ist mein Opa Otto Polle“ sagt Sascha Schlößer auf Facebook am 06.08.2023.

Der Umbau ist abgeschlossen

1931/32. Der Garten mit Platz für den noch anzulegenden Märchenbrunnen ist bereits unten rechts erkennbar. [Foto: Familie Niemerg]
1938 [AK: Slg. R. Boehm 3962]

Josef „Jupp“ Gremm

ARCHITEKT PROFESSOR ALBINMÜLLER
stellt dem Architekten Joseph Gremm das „Vorläufige Zeugnis“ aus:
Darmstadt, d. 11.XI.1930
Prof. Albinmüller

Mehr Informationen zu Josef Gremm finden Sie unter

„Josef Gremm“

1951 möchte sich Familie Pahlke von der Villa trennen. Josef Gremm vermittelt das Angebot, nach einem Gespräch mit dem Betriebsrats-Vorsitzenden Herrn Claves, an die Herrn Vorstände der Fa. Siemens & Schuckert in Hannover:

„Das Haus selbst ist auf das solideste erbaut und sehr reich mit Wandtäfelungen in Edelhölzern und eingebauten Schränken austestattet. Auch ist augenblicklich eine komplette Möbelausstattung vorhanden…
  • 1958 auf 1958 wird die Arbeiterwohlfahrt Dortmund Eigentümerin der Villa

1959: „Es ist Euer Haus“ sagte die Heimleiterin“ des Hauses „Westfalen“ am Waldsaumweg, Frau Elfriede Brodovski, „beim Beginn der Kur zu ihnen. Und es sind unsere Mütter, Mütter des Volkes.“…

Besonderheiten in der Fassade, die ebenfalls auf Albinmüller zurückgehen!

Im Giebel die Anfangsbuchstaben von Max Pahlke
[23.04.2015. Foto: R. Boehm]
unten: [18.07.2012. Foto: H. Möller]

Drei Fotos vom Märchenbrunnen, der ebenfalls auf Prof. Albinmüller zurückgeht!
[2 Fotos: 23.04.2015, rechtes Foto: 20.05.2018. 3x R. Boehm]

Berühmte Jugendstilbauten in Braunlage und Bad Sachsa
[Margitta Wedler und Albrecht Pfeiffer, Bad Sachsa. In: Unser Harz 6/2005]