Die Geschäfte der Familien Deibel + Ostermann

[CDV, Fritz Hartung, Bismarckstr. 13. Nachlaß „Deibel“, StABS bisher ohne Nr.]
Bereits 1900 hatte sich in Sankt Petersburg im fernen Russland der millionen-schwere Holzindustrielle Louis Deibel mit seiner Familie auf den weiten Weg nach Deutschland begeben, da seine junge Frau das russische Klima nicht vertrug; Elisabeth, geb. von Fleckinger, war an den Bronchien schwer erkrankt und der konsultierte Arzt hatte Sachsa als den geeignetsten Ort für sie empfohlen.
Von der großen weiten Welt in St. Petersburg in das kleine dörflich geprägte Städtchen am Rande des Harzes.
Ein wenig Luxus soll es dann aber schon sein – oder besser:
Wenn schon – dann eben nur vom Feinsten!:
Zur Hochzeit der Tochter Nora am 18.08.1910 wurde das Essen aus dem Berliner Hotel Adlon (sic!) nach Bad Sachsa gebracht…

[1910, Foto: Slg. R. Boehm]
Die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre und die kaufmännisch ungeschickte Hand des Schwiegersohnes ließen Deibel die nach seiner Tochter Nora benannte Villa 1929 an die Stadt Bad Sachsa verkaufen, die es seit dem als Rathaus nutzt.
Deibel starb 1933 in bescheidenen Verhältnissen und wurde posthum zum Ehrenbürger der Stadt ernannt, eine Ehre die lediglich vier Sachsaer Bürgern zuteil wurde.
Reich und Arm…
Die Aktivitäten von Louis Deibel und seinem Schwiegersohn Ostermann im Südharz

Ob Louis Deibel bereits zwischen 1900 und 1906 unternehmerisch im Südharz aktiv war, kann ich bisher nicht belegen; den bisher ältesten Hinweis ist der Veröffentlichung des Kaufs der „Dampfziegelei und Falzziegelei C. Clüsener“ in Nordhausen im Jahre 1907 in der Tonindustrie-Zeitung zu verdanken.
Folgendes Zitat möchte ich Ihnen, auch wenn es der zuvor genannten Veröffentlichung teilweise widerspricht, nicht vorenthalten: „Die Wurzeln des Ziegelwerks können bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Um 1850 gründete Fritz Teichmüller eine Handstrichziegelei, die im Jahre 1881 von Carl Clüsener übernommen und mechanisiert worden ist.
Über den 1. Weltkrieg wurde die Ziegelei stillgelegt, und danach von Bruno Döring (Jahrgang 1850) gekauft. Es entstand die „Dampfziegelei und Dachziegelfabrik Bruno Döring“, die sich als erste mit der Herstellung von Falzziegel befasste und Inhaberin des diesbezüglichen Reichspatents war. … (daraus ist hervorgegangen) … das Ziegelwerk Paul Döring an der Stolberger Str. (heutiges Ziegelwerk Nordhausen Dipl.-Ing. Sourell GmbH)“.
(Homepage des „Ziegelwerk Nordhausen, Dipl.-Ing. Sourell GmbH“)

Diese Rechnung an die „Löbl. Kirchenkasse, Kl. Werther“ verrät die Aktivitäten
der/des „Dampfziegelei, Falzziegelfabrik und Baumaterialien-Lager“ in der „Stolbergstrasse No. 45“ und eine „Ersatz-Schwemmstein-Fabrik und (ein weiteres) Baumaterialien-Lager“ in der „Casselerstrasse“ in Nordhausen.

L. DEIBEL & Co.
[1910, Rechnung:
Slg. R. Boehm]
Dem Briefkopf dieser Rechnung an den Tischlermeister Heinrich Domeyer in Walkenried (über u.a. 14 Türen…) ist zu entnehmen, dass die Fabrik ihren Standort in der „Kasseler Strasse“ hat und über Gleisanschluss an die Staatsbahn verfügt. Die unternehmerische Tätigkeit wird nunmehr beschrieben mit „Kunstleichtsteinfabrik und Baumaterialien en gros“;
darüber hinaus verdient die Firma über den
„Import und Lager schwedischer Zimmertüren nebst Zubehör’“.
Außerdem besitzt man eine „General-Vertretung in Modell-, Stuck- und Estrich-‚Gips sowie sämtlichen Sorten Gipsdielen der Firma Euling & Mack, A.-G. Gips- und Gipsdielenfabriken Ellrich a. H.“

„L. Deibel & Co., G.m.b.H., Baumaterialien-dlung
L. DEIBEL & Co.
[1924, Werbung in einem Buch: Quelle leider unbekannt]
„Baumaterialiendlung. – Bautischlerei, Spez. Türen., Gips-Schwemmsteinfabrik.-Betonsteinwerk Spez.-Steine“ sowie Hobelwerk, Sperrplatten-Lager.“
All das bot „L. Deibel & Co., G.m.b.H. in der Casselerstrasse in Nordhausen an
„L. Deibel & Co. G.m.b.H.
[Rechnung 15.08.1933 für den Sportverein Wacker, Slg. R. Boehm]

EULING & MACK

EULING & MACK
1913
[Aktie: Historisches Wertpapierhaus AG, 85604 Zorneding, 4. Auktion für Historische Wertpapiere, 2004, Los 634]
Als Aufsichtsrat (und vermutlich Geldgeber wie auch Firmenmitgründer) zeichnet unser umtriebiger Louis Deibel bei dieser Aktiengesellschaft. „Die Firma wurde 1905 gegründet. Dabei übernahm sie die Vereinigten Gipswerke Ellrich GmbH sowie die Firma Mack’s Gips- und Gipsdielenfabrik GmbH in Ludwigsburg. In den Folgejahren wurde weiter aggressiv zugekauft, so dass die Gesellschaft über ihre Verkaufsbüros bald 80 Prozent der Gipsindustrie in Nord- und Mitteldeutschland beherrschte.“
Von dieser Aktie, die Auflage betrug 250 Stück, sind nur dieses mit der Nummer 1230 (s.o.) und ein weiteres mit der Nummer 1229 im Handel vorgekommen (vgl. Hanseatisches Sammlerkontor für historische Wertpapiere, Auktion XXI, Los 967)

EULING & MACK
1923
[Aktie: Michael Reinboth, „Walkenried 1923 – Unser Klosterort vor 90 Jahren“, in Walkenrieder Nachrichten, 18.03.2013]
Bei dieser Aktie, 10 Jahre später ausgegeben, zeichnen dieselben Aufsichtsrat- und Vorstandsmitglieder.
„Das Gipswerk in Ellrich feiert an diesem Wochenende (2019) seinen 150. Geburtstag. 1869 gründete Friedrich Euling dort die „Vereinigte Gipswerke Ellrich am Harz GmbH“. Nach Erschließung der Rohstoffbasis wurde dort das erste deutsche Gipswerk errichtet, das seither – in unterschiedlicher Eigentümerschaft – hochwertige Gipsprodukte produziert.„
Der „Bau des ersten deutschen Gipswerkes mit einer jährlichen Produktion von 1000 Waggons“ wird 1890 getätigt.
1945 erfolgt die Enteignung der Euling & Mack AG; die Werksanlagen werden demontiert und das Werk in Volkseigentum überführt. (vgl. „150 Jahre Gipswerk in Ellrich“, 25.06.2019)

Vermutlich gehörte die in Rotthausen (heute Teil von Gelsenkirchen) ansässige Zementwarenfabrik Ostermann & Co. und die „Villa Ostermann“ zum Familienbesitz des Hüttendirektors Heinrich Ostermann.
Durch die Heirat (vermutlich) dessen Sohnes Dr. Heinrich Ostermann mit Nora Deibel kam diese Familie nach Bad Sachsa und wurde in die unternehmerischen Aktivitäten des Louis Deibel eingebunden. So arbeitete Hüttendirektor a.D. Heinrich Ostermann, ebenso wie Louis Deibel in Gelsenkirchen geboren, bis zu seinem Tode 1921 in Deibels Firma „Sachsawerke – Ostermann & Co.“ in der heutigen Bahnhofstraße 56 A (?) oder 57.

[o.D., Reklamemarke: http://www.veikkos-archiv, 04. März 2010]
Die „Mechanische Weberei“ von Alwin Teichmann stellte seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts Zelte, Planen und Decken in Ellrich her. [vgl. hierzu die geschichtlichen Aufzeichnungen der Freiwilligen Feuerwehr Ellrich auf ihrer Homepage, abgerufen 10.12.2021]:
„22. April 1888 – früh gegen 4.00 Uhr bricht im Spulsaal der erst kürzlich errichteten mechanischen Weberei von Alwin Teichmüller ein Brand aus, der Bahnhofswächter Marquard, der den Brand bemerkt, alarmiert den Bahnhofsvorsteher, der mit der Stations- Feuerspritze herbeieilt und den bereits um sich greifenden Brand löscht.„

[o.D., Reklamemarke: http://www.veikkos-archiv, 04. März 2010]
Die Mechanische Weberei von Alwin Teichmüller geht über an [seinen Sohn?] Ferdinand Teichmüller, der laut einer Rechnung diese Firma in Ellrich und St. Andreasberg zumindest noch in 1908 betreibt [siehe http://www.picclick.de, 10.12.2021].
Der oben gezeigten Reklamemarke ist zu entnehmen, dass der „Textilbetrieb – vorm. Ferd. Teichmüller, Ellrich am Harz“ nunmehr den Eigner und Namen gewechselt hat: es taucht erstmals auf die Firmierung „SACHSAWERKE G.M.B.H.“
unten:
Sachsawerke – Ostermann & Co.
(Wintersport- + Heimatmuseum Bad Sachsa)

Während viele Firmen im I. Weltkrieg ihre Produktion zurückfahren mussten, konnten die Sachsawerke durch Anpassung an die Bedürfnisse an Lederwaren für Pferde und Soldaten diese Zeit gut überstehen. Ein Beispiel hierfür ist das oben gezeigt Spatenholster der „SATTEL & LEDERWARENFABR BAD SACHSA“.
Die „Sachsawerke“ firmierten unterschiedlich (u.a. 1916: „Sachsaer Sattel- u. Lederwarenfabrik G.m.b.H.“ mit Verkaufs-Büro in der Lützowstrasse 105 in Berlin W, 35; StABS 1.22.4. Heft 1), „Sachsawerke G.m.b.H., Fabriken für Leder-, Textil- und Holzbearbeitung“ (StABS) und hatten diverse „Abteilungen“; bisher sind namentlich bekannt „SACHSAWERKE, OSTERMANN & Co., Abteilung.: SCHUHFABRIK“ (stellte den Betrieb 27.10.1923 ein, StABS 1.41.11.3) und die „Sachsawerke, Ostermann & Co., Abteilung HOLZWARENFABRIK“ (u.a. 1924, StABS 1.43.6 Heft 1)

Sachsaer
Sattel– und Lederwarenfabrik
G.m.b.H.
Bad Sachsa, Südharz
Betriebsstätte
Bad Sachsa“
[1915, Heft: Slg. R. Boehm]

Der Maurermeister Otto Kaiser-hierselbst hat vor etwa 14 Tagen mit dem Umbau des Lagerraumes der hierselbst Bahnhofsstraße 27 belegenen Schneidemühle begonnen, ohne hierzu die polizeiliche Erlaubnis nachgesucht zu haben…
[1915, StABS 2.21.2]

Sachsawerke G.m.b.H. Fabriken für Leder-, Textil- und Holzbearbeitung, Bahnhofstr. 27 + 29
Bitte an den Magistrat um Weiterleitung des städtischen Wasserleitungshauptrohres, das derzeit am Grundstück Bahnhofstraße 27 endet, bis zum Grundstück Bahnhofstraße 29, um
eine moderne Feuerlöscheinrichtung schaffen zu können.
[15. April 1918, StABS]
Mehr Informationen finden Sie
zum Betriebsgelände unter