Das BORNTAL und
Die Kinder des 20. Juli 1944
In KURZform:
Die Stadt Bad Sachsa beabsichtigt,
die Gedenkausstellung
[seit 2016 über der Tourist-Information, Am Kurpark 6, 37441 Bad Sachsa]
an den Ort zu verlegen, an dem die „Kinder des 20. Juli“ in 1944 auf 1945
in Sippenhaft genommen wurden:
Ins Borntal
(November 2025)
In LANGform:
Ein Vorschlag zur Museumskonzeption durch das Architektur- und Ingenieurbüro GmbH der Herren Probst, Schmidt und Klima, 2023:
















Ein erster Schritt zu einer Gedenkstätte war in 2016 erreicht:
Einweihung der Ausstellung zum Gedenken an die „Kinder des 20. Juli 1944“ in Bad Sachsa (22.11.2016, Kursaal)

v.l.n.r.:
1. Prof. Dr. Clarita Müller-Plantenberg
2. Verena Onken von Trott
3. Dr. Karsten Hansen mit
4. Frauke Hansen
5. Dr. Günter Winands
6. Albrecht von Hagen
7. BGM Dr. Axel Hartmann
8. Liselotte von Hofacker
9. Berthold Schenk Graf von Stauffenberg
10. Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld
11. Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase
12. Carl Goerdeler (mit dunkler Brille, Enkel)
13. Volker Hayessen (halb verdeckt)
14. Heimeran Schenk Graf von Stauffenberg
15. Wessel Freiherr Freytag von Loringhoven
16. Alfred von Hofacker
17. Ingrid von Seydlitz

„Sippenhaft“ in Bad Sachsa
Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld
„Sippenhaft“ in Bad Sachsa
Grußwort von Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld zur Eröffnung der Ausstellung „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“ am 22. November 2016 im Kursaal der Stadt Bad Sachsa
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
vor etwas mehr als 72 Jahren, ich war damals 15 Jahre alt und bin damit heute 87, kam ich spät abends mit der Bahn in Bad Sachsa in Begleitung an. Aber davon später etwas mehr.
Ich ging zu der Zeit in Nordhausen auf das humanistische Gymnasium, nachdem ich das Internat Klosterschule Roßleben, auch in Thüringen, wegen politischer Aktivitäten hatte verlassen müssen. Der Oberstudiendirektor Kurt Sachse am Nordhäuser Gymnasium war 1921 Geschichts- und Lateinlehrer meines Vaters in Roßleben gewesen und bei der Umwandlung von Roßleben zur SS-Heimschule dort politisch nicht mehr tragbar. Daher mein „Unterkommen“ in Nordhausen.
Ich bin verheiratet, habe eine Tochter und zwei Söhne, alle drei sind, gottlob, in Arbeit und Brot und elf Enkelkinder. Meine Frau und ich leben seit 1994, nach meiner Pensionierung bei John Deere in Mannheim, wo ich mich 34 Jahre lang im Konzern mit Landmaschinen beschäftigt habe, nun wieder auf meinem väterlichen Betrieb im Osten Mecklenburgs, ca. 150 km nördlich von Berlin und erfreuen uns täglich an der wunderschönen Landschaft, dem meist guten Wetter und der von mir sehr geschätzten Mischung aus Ackerland, Wald und großen Seen. Back to the roots! Es lebt sich gut in Norddeutschland, einen Steinwurf von Berlin entfernt und wieder zu Hause auf eigenem Grund und Boden.
Die Tatsache, nach genau 50 Jahren wieder zu Hause zu sein, ist überwältigend und deckt die Schwierigkeiten des Neuanfangs mit einem Mantel größter Dankbarkeit zu.
Mein Elternhaus war sehr politisch ausgerichtet. Mein Vater engagierte sich unter anderem für das Deutschtum im damaligen Westpreußen (auch Korridor genannt, weil zwischen dem Reichsgebiet und Ostpreußen gelegen und 1918 an Polen gefallen).
Die Familie hatte dort neben dem mecklenburgischen Betrieb auch noch einen Waldbesitz direkt am Weichselufer südlich von Danzig, der nach dem Ersten Weltkrieg von den Polen enteignet werden sollte. Durch das Verhandlungsgeschick meines Vaters, bis zum Völkerbund in Genf, konnte er erhalten werden, wenn auch in der Größe reduziert.
Meine Jugend auf dem Lande und später in verschiedenen Internaten, deren Wechsel sich aus den Ausbombungen ergaben, wurde bis zum Juli 1944 durch zahlreiche politische Eckpunkte bestimmt. Beginnend mit dem Einmarsch in Österreich am 13. März 1938. Die Begeisterung für uns Jungen kannte keine Grenzen. Anfang September 1938 mussten wir aus Westpreußen nach Mecklenburg (ins Reich!) zurückkommen, da mein Vater kriegerische Verwicklungen hinsichtlich des Sudetenlandes befürchtete. Es folgte am 30. September 1938 die Münchener Konferenz, auch Münchener Abkommen genannt, mit Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier. Sie wurde von Chamberlain als Erfolg für den Frieden gefeiert, fand aber mit der schnell folgenden Besetzung des Sudetenlandes ihren augenblicklichen Abschluss.
Auf unserem Betrieb in Göhren, Mecklenburg, hatten sich damals Herren der deutschen Generalität (Witzleben, Beck und andere) versammelt, um das Ergebnis der Münchener Konferenz abzuwarten. Witzlebens Kommando über den Wehrkreis Berlin hätte die Möglichkeit geboten, dies war die Planung, die Reichsregierung im Falle eines Scheiterns der Münchener Konferenz zu verhaften. Nachdem die Konferenz aber einen für die Reichsregierung positiven Verlauf genommen hatte, war an einen Staatsstreich nicht zu denken.
Nach dem Einmarsch in Österreich und das Sudetenland 1938 erfolgte im März 1939 die Besetzung des Memelgebietes und schließlich der Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Mein Vater wurde am 25. August 1939 als Reserveoffizier eingezogen und marschierte mit seinem Bataillon von Pommern aus in den Korridor ein.
Die Nationalsozialisten fühlten sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ließen dies die Menschen in den besetzten Gebieten in vielfältiger Weise spüren.
Nach dem Ende der militärischen Aktivitäten in Polen war mein Vater Ende 1939 im Urlaub auf seinem Betrieb in Westpreußen und wäre fast Zeuge von Ermordungen von über 1.000 geistig Kranken aus einem in unserer Kreisstadt gelegenen Hospital in einer Kiesgrube in seinem Wald geworden. In dieser Kiesgrube sind bis Kriegsende an die 10.000 Menschen ermordet und verscharrt worden.
Seinem testamentarischen Wunsch, in der Kiesgrube ein Kreuz zu errichten mit einer Tafel und folgendem Text: „Hier ruhen 1000-1500 Christen und Juden. Gott sei ihrer Seele und ihren Mördern gnädig“, konnten wir nur teilweise nachkommen, da es in der Kiesgrube bei unserem ersten Besuch 1976 bereits ein großes steinernes Kreuz – von den Polen errichtet – gab. Die Tafel haben wir an der Kapelle in unserem dortigen Heimatort anbringen können.
Mit diesem Hintergrund versuchte ich mich in der obligatorischen Hitlerjugend bzw. dem Jungvolk zu arrangieren. Opposition war nicht erwünscht, Widerreden wurden meist mit Strafen und Nachexerzieren geahndet.
Für mich war der 20. Juli 1944 quasi der Neuanfang meines Lebens. Kein Stein stand mehr auf dem anderen.
Alles wurde abrupt beendet, als am 7. August 1944 die Gestapo, zwei Männer und eine Frau, vor der Tür standen, um meine Mutter, meine beiden Brüder – elf Jahre und neun Wochen alt – und mich zu verhaften.
Himmler hatte auf einer Gauleitertagung am 3. August 1944 in Posen gesagt: „Dann werden wir die absolute Sippenhaft einführen. Wir sind danach schon vorgegangen und haben danach gehandelt. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied.“
Himmler hat dann wohl seine Meinung geändert, da man der deutschen Bevölkerung nicht jeden Tag die Hinrichtung von Menschen mit in Deutschland bekannten Namen bekannt geben konnte. Außer den Morden in Plötzensee wurden alle anderen Maßnahmen auf Gefängnis-, Lager- und KZ-Strafen geändert.
Ich kam am 7. August morgens von der Jagd zurück, in der einen Hand ein erlegtes Kaninchen, das ich in den Eiskeller (Kühltruhen gab es noch nicht) brachte, und stellte das Gewehr nach der Reinigung in den Gewehrschrank, bevor ich mich unserem Besuch zuwendete und nach ihrem Begehren fragte.
Ihre Verblüffung ob dieser Frage war so groß, dass der Vorgesetzte etwas von Verreisen sagte. Ich packte also ein Köfferchen mit etwas Wäsche und dem Waschzeug. Die Kinderschwester, die meinen jüngsten Bruder versorgte, erklärte, dass, wenn sie das Baby mitnehmen würden, sie auch mitkäme. Das wurde ihr großzügig gestattet. Da die Gestapotruppe zu dritt war, war in einem kleinen DKW nicht genug Platz für meine Mutter, Kinderschwester, Baby, meinen jüngeren Bruder und mich. Es wurde also beschlossen, dass meine Mutter mit Baby und Kinderschwester mitfahren, die Gestapo-„Tante“ sich einen eigenen Transport besorgen müsste und mein Bruder und ich nachkommen sollten. Wir wurden dann zu unserem nächstgelegenen Bahnhof gebracht, kauften unsere Fahrkarten und fuhren ins Gefängnis. Man beachte bitte, mit selbst gekauften Fahrkarten!
Die erste Nacht brachten wir in einem Kinderheim zu. Ich wurde am nächsten Morgen nach Güstrow ins Gefängnis verlegt, wo meine Mutter am Tag zuvor schon eingewiesen und einem Verhör unterzogen worden war. Ich bin niemals verhört worden, wurde aber nach der Ankunft in Güstrow von meiner Mutter instruiert, wie welche Fragen zu beantworten seien.
Das Gefängnis war im Güstrower Schloss untergebracht. Meine und die Zelle meiner Mutter lagen an einem Flur, waren unverschlossen, der Gang am Ende war allerdings verriegelt. Das Mobiliar bestand aus Bett und Stuhl. Die Sanitäreinrichtungen waren angepasst.
Die Zellen hatten ein in kleine Scheiben unterteiltes Fenster, von denen man die mittlere öffnen konnte. Mein Kopf passte gerade so hindurch. Auf der einen Seite sah ich auf eine Wiese außerhalb des Schlosskomplexes, auf der anderen auf den Schlosshof. Am Sonnabend konnte ich immer das Zusammenstellen von Sonderkommandos von Häftlingen auf dem Schlosshof beobachten. Sie marschierten dann über die Schlossbrücke und wurden draußen auf wartende LKW verladen und ins KZ gebracht.
Ich wurde zur Arbeit einer Gärtnerei zugewiesen. Der Gärtner holte mich morgens um 6.30 Uhr ab und brachte mich abends um 18.00 Uhr wieder zurück in die Zelle. Der Vorteil dieser Arbeitsstelle war, dass es, da alles Obst reif war, eine erfreuliche Ergänzung zum Knast-Fraß gab.
Da er während der Frühstückspause den „Völkischen Beobachter“ las und mir die Zeitung, wenn er fertig war, übergab, war ich immer über die Außenwelt informiert. Daher wusste ich auch, dass der Name unserer Familie nicht in deutschen Medien veröffentlicht worden war, was mir später bei einer Diskussion mit einem Gestapo- Beamten im Gespräch über unseren neuen Namen (Seifert) behilflich war.
Am 22. und 23. August 1944 wurde unter dem Code-Namen „Gitter“ (Gewitter) in Deutschland eine große Verhaftungswelle durchgeführt, bei der die Funktionsträger des politischen Lebens der Weimarer Republik inhaftiert wurden. Drei dieser Inhaftierten wurden auch der Gärtnerei zugeteilt. Es waren natürlich für mich ältere Herren, die plötzlich in Häftlingskleidung mit Holzpantoffeln herumlaufen mussten. Einer von ihnen hatte bei der nächtlichen Verhaftung vor Aufregung seine Zahnprothese vergessen, was aber am folgenden Tag repariert wurde.
Diese Herren saßen mit mir zusammen in den Pausen vor der Gärtnerbude, so dass wir uns selbstverständlich auch unterhielten, schließlich kamen wir ja aus demselben „Haus“. Nach zwei Tagen wurde mit mitgeteilt, dass ich mich mit den Herren nicht unterhalten dürfe. Ich hörte nach meiner Entlassung, dass Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, schon den Befehl gegeben hatte, mich nach Dachau zu verlegen, dies aber von einem Onkel von mir, dem Reichsfinanzminister, verhindert wurde. Es ist kaum vorzustellen, wie besorgt man sich um einen 15-jährigen Schuljungen kümmerte.
Am 13. September wurden mein Bruder und ich mit der Begründung aus Güstrow abgeholt, dass die Sommerferien beendet seien und wir auf eine Schule gebracht würden. Dies konnte eigentlich, meiner Ansicht nach, nur ein Internat sein. Als ich dann herausbekam, dass wir am nächsten Morgen nach Bad Sachsa fahren, nahm ich an, dass wir dort auf das mir bekannte Internat kommen würden.
Beim Abendessen in der Schweriner Gestapo-Zentrale – große Schüsseln mit Gulasch und Salzkartoffeln – haben wir offensichtlich so viel gegessen, dass ein Gestapo-Mann sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, dass wir wohl besonders hungrig wären. Die Antwort bzw. Frage meines Bruders, ob er schon mal bei sich im Gefängnis gegessen hätte?!
Wir fuhren also am nächsten Morgen mit dem Zug über Nordhausen nach Bad Sachsa – 1. Klasse im ersten Waggon hinter der Lokomotive, der wegen der Tieffliegerangriffe, die ja meist der Lokomotive galten, nicht mit Passagieren besetzt wurde. Beim Umsteigen in Nordhausen traf ich Klassenkameraden (Fahrschüler) von mir – eiligst wurden wir in einen separaten Raum gebracht!
Wir verließen den Zug in Bad Sachsa und ich schlug die Richtung zum Internat ein. Mir wurde aber bedeutet, dass wir die Nacht in einem Heim verbringen würden. So kamen wir zu Fuß im Borntal an, wurden kurz mit „Heil Hitler“ von Fräulein Köhler, einer Walküre mit dem Parteiabzeichen mitten auf der Brust, begrüßt und in das Haus 1 (für Jungen ab 10 Jahren) weitergeleitet.
Wir hatten ein Doppelzimmer und ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich freute, wieder einmal in einem bezogenen Bett auf einer Matratze schlafen zu können, im Gefängnis war es ein Strohsack mit altem Stroh.
Am nächsten Morgen musste ich mit Fräulein Köhler und ihrem großen Schäferhund, den ich an der Leine führen durfte, außerhalb des Heimgeländes einen kurzen Spaziergang machen, bei dem sie mir das Ehrenwort abnahm, dass ich nicht weglaufen würde. Meine Frage: Wohin denn?
Das Leben im Heim war zwar ein Eingesperrt-Sein, aber erträglich, da wir kaum Vorschriften oder Verhaltensanweisungen erhielten. Wir hatten versprechen müssen, dass wir unsere richtigen Namen nicht bekannt geben würden.
Als ich von meinem Rundgang mit Hund und Fräulein Köhler zurück ins Haus kam, erzählte mir mein Bruder, wie all die Kinder mit richtigem Namen heißen würden. Er trug eine von mir ausgewachsene Lederhose, die aus meiner Internatszeit innen an der Klappe mit Namen gezeichnet war. Er ist also an dem Morgen im Haus herumgegangen und hat jedem gesagt, dass er ihm ja nicht sagen dürfe, wie er hieße, sie könnten aber in seiner Hose seinen Namen lesen und dazu die Klappe aufknöpfte.
Unsere uns zugewiesene Kindergärtnerin, Hilde Waßmann, war entsetzt, konnte aber nichts mehr machen und hat letztendlich das Spiel mitgemacht. Sie war eine liebevolle Persönlichkeit, die uns pfleglich behandelte.
Wir waren ja nun alle schon eine längere Zeit „unterwegs“. Unsere Haarpracht sah entsprechend aus, so dass ich mich entschloss, den Friseur zu spielen. Dazu brauchten wir einen Raum, vor allem bei schlechtem Wetter. Ich hatte schnell eine gewisse Fertigkeit erzielt, obgleich ich noch nie etwas über Fasson- oder Rundschnitt gehört hatte, war das Bild trotzdem recht uniform.
Anfang Oktober wurden mein Bruder und ich entlassen und von denselben zwei Gestapo-Beamten, die uns auf dem Hinweg begleitet hatten, wieder abgeholt und nach Schwerin gebracht, wo uns ein Onkel in Empfang nahm. Wir lebten dann bei Verwandten in der Nachbarschaft von unserem alten Zuhause, das ja für die ganze Familie „off limits“ und wie der ganze übrige Besitz und das Vermögen meines Vaters enteignet war. Ich bin dann sehr schnell wieder auf die Schule nach Nordhausen zurückgekehrt und dort bis Ostern 1945, nach dem die Stadt total zerstörenden Fliegerangriff, geblieben.
Im November 1944 fuhr ich von Nordhausen aus noch einmal nach Bad Sachsa in das Heim. Fräulein Köhler war nicht beglückt, mich wiederzusehen, erlaubte mir aber, einige der immer noch nicht entlassenen Kinder zu treffen.
Meine Mutter war in der Zwischenzeit aus der Uckermark in die Gegend von Salzwedel geflohen, wo ich sie dann auch traf.
Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Bürgermeister Dr. Hartmann, dass wir diese Zusammenkunft in ihrer Stadt haben können. 1944 war die Verbindung zur Stadt nur dadurch gegeben, dass uns erzählt wurde, dass die Lebensmittel für unser Essen aus Bad Sachsa kämen. Sie haben uns also am Leben erhalten, wofür wir der Stadt dankbar sind.

v.l.n.r.:
Friedrich-Wilhelm von Hase stehend vor Dr. Karsten Hansen, sitzend Volker Hayessen (verdeckt),Frau Smend mit Dr. Axel Smend, Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Frau + Herr Graf Schwerin von Schwanenfeld, Dr. Günter Winands, Dr. Axel Hartmann
(Foto: Ralph Boehm)
Ein Ort der Erinnerung
Bürgermeister Axel Hartmann
Ein Ort der Erinnerung

Begrüßung des Bürgermeisters der Stadt Bad Sachsa, Dr. Axel Hartmann, zur Eröffnung der Ausstellung „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“ am 22. November 2016 im Kursaal der Stadt Bad Sachsa
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie alle sehr herzlich hier im Kursaal in Bad Sachsa zu dieser denkwürdigen Feierstunde.
Mein Gruß gilt zunächst Ihnen, verehrte Betroffene, denn ich wage kaum Kinder zu sagen, und wenn dann in Anführungszeichen, die Sie mit dem Namen unserer Stadt ein einschneidendes Erlebnis in Ihrer Kindheit oder Jugendzeit verbinden. Wir hoffen, dass wir heute einen Beitrag leisten können, die Erinnerungen zu bewältigen.
Ich begrüße sehr herzlich – stellvertretend für alle – Herrn Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. Herzlich Willkommen in Bad Sachsa. Aus dem Bundeskanzleramt ist Herr Dr. Günter Wienands, Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu uns gekommen. Herzlich Willkommen Günter. Ebenfalls aus Berlin begrüße ich Herr Prof. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und sein Team, die diese exzellente Ausstellung realisiert haben.
Als ich vor zwei Jahren mein Amt antrat, stellte ich mir die Frage, warum unsere Stadt so ein kompliziertes Verhältnis zu den Ereignissen der Jahre 1944/45 im Borntal hat. Auf dem Gelände des Borntals steht bis heute keine Gedenktafel der Stadt Bad Sachsa, die an das Geschehene erinnert.
Nach dem Krieg war dort ein bis in die 1990er Jahre bestehendes Kinderkrankenhaus untergebracht, das weit über Bad Sachsa hinaus einen guten Ruf hatte. Kinder aus dem ausgebombten Dresden waren 1945 die ersten Patienten. Das Krankenhaus wurde kurz nach der Wende, Anfang der 1990er Jahre geschlossen. Danach diente das Gelände als Campingplatz. Heute warten wir darauf, dass dort ein moderner Ferienpark entsteht. Die am nördlichen Rand gelegenen Häuser des Mitte der 1930er Jahre errichteten „Bremer Kinderheims“, in denen die Kinder u.a. untergebracht waren, sollen in der äußeren Form erhalten bleiben – so die Zusage des Investors.
Außer einem Gedenkschild der Brandenburger Gemeinde Rangsdorf erinnert bis heute nichts an das, was vor über 72 Jahren dort geschah. Warum hat sich Bad Sachsa über viele Jahrzehnte so schwer getan, diesem für 46 Kinder des 20. Juli so einschneidendem Erlebnis einen Ort der Erinnerung zu geben? Von Rangsdorf war Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 nach Rastenburg in Ostpreußen geflogen, um im sogenannten Führerhauptquartier die Bombe zu zünden. Aber Rangsdorf hatte keine Beziehung zu Bad Sachsa und erst recht nicht zum Borntal.
Es hat erste Begegnungen mit den Betroffenen gegeben: 1998 kamen einige der damaligen Kinder nach Bad Sachsa und führten ein erstes Gespräch, ein weiteres folgte vor zwei Jahren anlässlich des 70. Jahrestages des Attentats. Die Gespräche mit meiner Amtsvorgängerin führten zu einer Annäherung an die Stadt Bad Sachsa, ein sichtbares Zeichen nach Außen hingegen wurde nicht gesetzt. Auch 72 Jahre nach dem Ereignis war im Borntal weder eine Gedenkstein noch eine Gedenktafel zu sehen, ganz zu schweigen von einer Ausstellung.
Das hat mich sehr betroffen gemacht, als ich nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit 2014 in meine Heimatstadt zurückkehrte. Das wollte ich ändern und so suchte ich bereits wenige Wochen nach meinem Amtsantritt im Januar 2015 die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße in Berlin auf, um mit Prof. Tuchel die Frage zu erörtern, ob man nicht eine Dauerausstellung zum Thema „Kinder des 20. Juli“ in Bad Sachsa einrichten könne. Alles was mir bisher zu dem Thema bekannt war, war der ZDF-Film gleichen Namens, der alljährlich um den 20. Juli herum als Wiederholung gesendet wird. Prof. Tuchel war sofort von der Idee angetan und nun ging es zunächst darum, die finanziellen Mittel zu beschaffen, um das Projekt zu realisieren. Mein alter Kollege aus Bonner Kanzleramtszeiten der 1990er Jahre, Günter Wienands, war inzwischen Abteilungsleiter bei der Staatsministerin für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt (BKM) in Berlin geworden. Noch am gleichen Nachmittag suchte ich ihn im Kanzleramt auf und er sagte zu, die Mittel zur Verfügung zu stellen. Schließlich kamen 80.000 € aus dem Haushalt der Staatsministerin für Kultur, ohne die die Ausstellung nicht finanzierbar gewesen wäre. An einem Nachmittag in Berlin, innerhalb weniger Stunden, war es gelungen, diese denkwürdige Ausstellung, die wir heute einweihen, zu initiieren. Mit der heutigen Einweihung setzen wird erstmals ein sichtbares Zeichen nach außen und weit über unsere Stadt hinaus, dass wir uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen.
Die Ausstellung sollte ursprünglich auf dem Gelände im Borntal ihren Platz finden, aber die sich ständig verzögernde Bauplanung des Investors hat mich dann frühzeitig nach einem alternativen Standort suchen lassen, und ich bin der Bad Sachsa Holding dankbar, dass sie die Räumlichkeiten und die logistische Begleitung auf Dauer zur Verfügung stellt. Auch hätte ich heute gern im Borntal zusammen mit den „Kindern“ eine Gedenktafel der Stadt Bad Sachsa enthüllt. Aber auch hier hat uns der derzeitige Zustand des Geländes zögern lassen. Mein Dank geht an den hiesigen Rotary Club für die finanzielle Zusage. Die Tafel wird aufgestellt, sobald das vor Ort baulich möglich ist.
Lassen Sie mich noch einmal auf die Frage zurückkommen: Warum so spät? Das Thema mit dem wir uns heute befassen wurde in Bad Sachsa viele Jahrzehnte verschwiegen. Die, die etwas darüber wussten, und das waren wenige, schwiegen beharrlich. Und so war die Quellenlage dürftig. Auch alte Bad Sachsaer, die ich noch in den letzten Monaten befragen wollte, winkten ab. Niemand war bereit, Auskunft zu geben.
Das, was wir an schriftlichem Material hatten, hat unser früherer Stadtarchivar, Herr König, akribisch zusammengetragen. Unser derzeitiger Stadtarchivar, Herr Boehm, hat die Materialien der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zur Verfügung gestellt, und sie wurden in die Ausstellung einbezogen.
Lassen Sie mich noch eine persönliche Bemerkung machen. Ich selbst habe in meiner Jugendzeit in Bad Sachsa erlebt, wie die Frage offen und strittig diskutiert wurde, ob die an dem Attentat beteiligten Helden oder „Vaterlandverräter“ waren. Es war die Kriegsgeneration, die fast unisono der zweiten Variante der Deutung zuneigte. Verwundern kann das nicht, wenn man weiß, dass die Rehabilitierung der Männer des 20. Juli und anderer Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur viele Jahre verzögert wurde und die Hinterbliebenen mit geringen Renten auskommen mussten. Schließlich war die deutsche Justiz – bis in die höchsten Stellen des Bundesjustizministeriums der 1950er und 1960er Jahre hinein, wie wir kürzlich erfahren durften, von Juristen besetzt, die schon der Hitler-Diktatur gedient hatten.
Erst heute ist die Zeit reif, für eine Erinnerungskultur, in Form einer Ausstellung, die auf Dauer an ein dunkles Kapitel unserer jüngeren Geschichte erinnert, das auch Bad Sachsa getroffen hat. Vor allem die jüngere Generation soll wissen, dass die Gefahr von rechts kein geschichtliches Phänomen ist, sondern auch in unseren Tagen gilt: Wehret den Anfängen!
Wir müssen auch vor allem die Jugend über das informieren, was sich hier vor 72 Jahren ereignet hat. Insofern bin ich dankbar, dass heute auch Schüler unseres Pädagogiums unter uns sind.
Zum Schluss gilt mein Dank allen, die dazu beigetragen haben, dass wir heute diese Ausstellung eröffnen können:
Zu allererst Herrn Professor Tuchel und seinem ganzen Team, die in eineinhalb Jahren eine vorzügliche Ausstellung geschaffen haben. Besonders beeindruckend sind die zahlreichen Portraits. Die bisher eher am Rande der Darstellung über den deutschen Widerstand laufende Diskussion hat nun einen festen Ort: Sie ist in Bad Sachsa zu besichtigen. Dafür Herrn Prof. Tuchel und dem ganzen Team meinen herzlichen Dank;
Herrn Winands vom Bundeskanzleramt (BKM) danke ich für die Zurverfügungstellung der finanziellen Mittel;
und der Bad-Sachsa-Holding und allen, die dazu beigetragen haben, dass diese Ausstellung die ihr gebührende Beachtung findet, danke ich herzlich.
72 Jahre danach haben wir also diesen Ort der Erinnerung an das Leid und Schicksal der 46 Kinder des 20. Juli geschaffen, die hier in Sippenhaft waren. Aber wie heißt es so schön: lieber spät als gar nicht !
Ein letztes Wort an Sie, verehrte Kinder: Ich weiß, dass es manchem nicht möglich war und ist, an den Ort zurückzukehren, den Sie mit schmerzlichen und traumatischen Erinnerungen verbinden. Ihnen sprechen wir unseren großen Respekt aus. Denen die heute gekommen sind, danke ich von Herzen und sage Ihnen in aller Klarheit, auch wenn kein Bürger unserer Stadt Verantwortung für das hatte, was Ihnen damals von der Nazi-Diktatur angetan wurde:
Im Namen der Stadt Bad Sachsa entschuldige ich mich bei Ihnen allen für das Leid und die traumatischen Erlebnisse, die Sie mit unserer Stadt verbinden und bitte Sie um Verzeihung. Ich hoffe, wir sehen uns anlässlich des 75. Jahrestages des 20. Juli im Jahr 2019 wieder gesund in Bad Sachsa. Sie sind jederzeit herzlich willkommen.
Ich danke Ihnen!

Vorn sitzen
Friedrich Wilhelm von Hase,
Carl Goerdeler und xxxx,
Albrecht von Hagen
[Foto: Ralph Boehm]
Günter Winands
Eine kleine aber wichtige Ausstellung
Grußwort des Ministerialdirektors bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Dr. Günter Winands

zur Eröffnung der Ausstellung „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“ am 22. November 2016 im Kursaal der Stadt Bad Sachsa
Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
erlauben Sie mir, mit einem Zitat zu beginnen, einem Zitat, das mir nur schwer über die Lippen geht: „Dieser Mann hat Verrat geübt, das Blut ist schlecht, da ist Verräterblut drin, das wird ausgerottet. Und bei der Blutrache wurde ausgerottet bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied. Denn das muss ein einmaliges warnendes Beispiel sein.“ So deutlich, so unfassbar drastisch formulierte Heinrich Himmler – unter Berufung auf angebliche germanische Tradition – seine Vorstellung eines Rachefeldzugs gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und ihre Familien.
Zum Opfer fielen ihm auch die Kinder der Männer, die für das Attentat am 20. Juli 1944 alles aufs Spiel gesetzt hatten und mit dem Leben zahlten. Die Kinder wurden verschleppt, von ihren Müttern und Familien getrennt sowie ihres Namens und ihrer Identität beraubt. „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“, lautet dementsprechend der Titel der Ausstellung hier in Bad Sachsa, die wir heute gemeinsam eröffnen.
Es ist eine kleine, aber wichtige Ausstellung, die einen bislang in der Öffentlichkeit kaum bekannten und nur unzureichend beachteten Vorgang der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie beleuchtet: das bereits im Niedergang begriffene Regime wandte sich in Form der sogenannten „Sippenhaft“ nicht nur gegen erwachsene Angehörige von Regimegegnern, sondern auch gegen deren Kinder, sogar gegen diejenigen im Säuglingsalter. Das jüngste Opfer, Dagmar Hansen, war damals gerade einmal wenige Wochen alt. Das älteste, Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld – der sogleich selbst noch zu uns sprechen wird – war 15 Jahre alt.
Man kann sich kaum vorstellen, was in Ihnen, sehr geehrter Graf von Schwerin, was in allen heute anwesenden damaligen Kindern vorgegangen sein mag, als Sie so völlig unvorbereitet und ahnungslos hier in Bad Sachsa eintrafen. Die Eltern verhaftet oder bereits ermordet, die Geschwister von Ihnen getrennt, sogar der Kontakt zum Teil verboten, persönliche Gegenstände und Fotos weggenommen. Verstehen konnten Sie es damals wohl kaum, sei es weil Sie ohnehin noch zu jung waren, sei es weil die Eltern Ihnen zu Ihrem Schutz nichts von den Plänen der Väter erzählt hatten. In Bad Sachsa sahen Sie sich den perfiden Plänen der Nationalsozialisten schutz- und wehrlos ausgeliefert. Ausdrücklich ging es darum, Ihren Namen und Ihre wahre Identität zu verschleiern, ja zu zerstören. Wahrscheinlich sollten die jüngeren Kinder sodann von gesinnungstreuen Familien adoptiert, die älteren in nationalsozialistischen Erziehungsanstalten untergebracht werden. Gottlob kam es nicht so weit. Die Pläne wurden nach einigen Monaten nicht mehr konsequent durchgesetzt, im Herbst 1944 durften die ersten Kinder zurück zu ihren wieder freigelassenen Müttern, die letzten konnten erst nach Kriegsende im Sommer 1945 zu ihren Familien zurückkehren.
Die Erfahrung, aus der Familie, aus dem bekannten und – trotz allem – vielfach friedvollen Familienleben herausgerissen zu werden, seinen Namen und seine Identität – wenn auch nur vorübergehend – zu verlieren, diese Erfahrung hat, glaube ich, wohl alle „Kinder von Bad Sachsa“ ein Leben lang begleitet. Die Ausstellung soll daher nicht nur Kenntnisse über diese Ausgeburt an Schändlichkeit des nationalsozialistischen Terrorregimes vermitteln. Sie soll auch das Schicksal derer würdigen, die 1944/1945 an diesen Ort verbracht wurden und Repressalien erdulden mussten, weil ihre Eltern im Angesicht von Terror, Gewalt und menschenverachtenden Praktiken Heldenmut bewiesen. Es erscheint mir wichtig, heute aber auch von den Vätern zu sprechen, für die die Kinder haftbar gemacht wurden.
Im Widerstand des 20. Juli 1944 waren Männer, die, getrieben von ihrem Gewissen, für Freiheit, Moral, Selbstachtung und Menschlichkeit eintraten, in einer Zeit, die von Gewalt und Zwang, Gewissenlosigkeit und Menschenverachtung geprägt war. Sie setzten damit alles aufs Spiel – und waren sich dieser Tatsache durchaus bewusst. Ich zitiere: „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“ – so Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Der unbedingte Wille zum Widerstand der am Attentat vom 20. Juli 1944 Beteiligten, die Bereitschaft, die Konsequenzen dieser Tat zu tragen, sie schlimmstenfalls mit ihrem Leben zu bezahlen, erfüllt uns auch heute noch mit tiefer Demut und Dankbarkeit! Dankbarkeit, dass es solche Menschen eines anderen Deutschland gab! Wie stünde Deutschland heute im Spiegel der Geschichte da, wenn es solche Menschen nicht gegeben hätte?
Keiner von uns könnte wohl ehrlich sagen, wie er selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte. Und doch bleibt die unmissverständliche Botschaft des 20. Juli 1944: Man konnte, man musste etwas tun! Es gab Menschen, die auch unter den Bedingungen einer Diktatur und in einem Klima aus Misstrauen und Angst für mitmenschliches und verantwortungsvolles Handeln eintraten.
Dabei denke ich nicht nur an die Männer des 20. Juli, sondern auch an Gruppen wie den Kreisauer Kreis oder die Weiße Rose und Einzelkämpfer wie Georg Elser. All diesen Menschen ist die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock in Berlin gewidmet, deren Leiter Prof. Johannes Tuchel gleich in die Ausstellung einführen wird. Die Erarbeitung der Ausstellung hier in Bad Sachsa lag ganz maßgeblich in seinen Händen. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen!
Herr Prof. Tuchel leitet in Berlin nicht nur die Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit der Gedenkstätte Plötzensee. Nein, im Auftrag des Bundes ist er auch für das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt und die Gedenkstätte Stille Helden in der Rosenthaler Straße in Berlin verantwortlich. Dort geht es um die sogenannten „Stillen Helden“, Menschen also, die uns heute oftmals namentlich gar nicht mehr bekannt sind, die im Kleinen halfen, die durch einfache Gesten Mut und Hoffnung machten, die sich jedenfalls geistig widersetzten. All diese Menschen zeugen davon, dass die Nationalsozialisten nie ganz und gar obsiegten, dass es immer Menschen gab, die selbstlos bereit waren, mitmenschliche Verantwortung und Hilfsbereitschaft zu zeigen, ohne Rücksicht auf die Folgen und ohne Anspruch auf eine spätere Anerkennung oder gar Würdigung ihrer Taten.
Umso schöner, lieber Herr Tuchel, dass es gelungen ist, im Bundeshaushalt 2017, der in dieser Woche verabschiedet wird, rund 4 Millionen Euro bereitzustellen, um die Gedenkstätte Stille Helden mit ihrer Dauerausstellung künftig an neuem Standort überarbeitet und vergrößert präsentieren zu können. Herr Prof. Tuchel, ich bin bereits jetzt auf die „Stillen Helden“ in neuem Gewand gespannt!
Die Bundesregierung kommt mit der Förderung von Ausstellungen wie im Bendlerblock und in der Gedenkstätte Stille Helden oder auch hier in Bad Sachsa nicht zuletzt ihrer bleibenden historischen Verantwortung und Verpflichtung nach, für alle Zeit an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern und ihrer Opfer zu gedenken. In diesem Sinne sind uns die Menschen um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Ihre Väter und Mütter, auch eine ständige Mahnung. Diese wenigen Menschen haben Heldenhaftes vollbracht, sie haben ihrem Gewissen und ihrem inneren Kompass vertraut und entsprechend gehandelt. Zu viele aber haben den Aufstieg der Nationalsozialisten und die damit einhergehende Verfolgung und Entrechtung, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg und den Zivilisationsbruch des Holocaust mündete, zumindest geduldet. Zu viele haben weggesehen und blieben stumm.
Umso wichtiger ist es, an die Menschen zu erinnern, die sich gegen diese Mehrheit gestellt haben. Und dabei dürfen wir nicht aussparen, welchen Preis sie für ihren Mut gezahlt haben, welchen Preis auch ihre Angehörigen, insbesondere Ehepartner und Kinder, zahlen mussten. Ich danke daher allen an der Erarbeitung der heute zu eröffnenden Ausstellung Beteiligten: der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Stiftung 20. Juli 1944 und insbesondere auch der Stadt Bad Sachsa und namentlich vor allem ihrem Bürgermeister Dr. Axel Hartmann. Sie, Herr Bürgermeister, haben vor zwei Jahren nach Ihrem Amtsantritt die Initiative ergriffen und sich nicht gescheut, dieses schwierige Kapitel der Stadtgeschichte aufzuarbeiten und öffentlich zugänglich zu machen. Ich hoffe, dass diese kleine, aber wichtige Ausstellung viele interessierte Besucher und die entstandene Dokumentation viele Leser findet!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Melanie Frey (Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Stiftung 20. Juli) im Gespräch mit Berthold Schenk Graf von Stauffenberg; eingerahmt von Dr. Axel Smend und Graf Schwerin von Schwanenfeld;
rechter Hand Dr. Günter Winands und Dr. Axel Hartmann; dahinter stehend Alfred von Hofacker im Gespräch mit Dr. Johannes Tuchel [Foto: Ralph Boehm]
Das Göttinger Tageblatt fasst diese Veranstaltung am 22.11.2016 zusammen:
Ausstellung über die Kinder der Widerstandskämpfer Bad Sachsas Rolle in der Weltgeschichte
Der 22. November 2016 ist ein historischer Tag für Bad Sachsa. Seit Dienstag können Einheimische und Gäste die Beziehung der kleinen Uffestadt zur großen Weltgeschichte, wie Prof. Dr. Johannes Tuchel von der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand es bezeichnete, eindrucksvoll erleben.
Bad Sachsa. Unter dem Titel „Unsere wahre Identität sollte vernicht werden“ wurde die neue Dauerausstellung, die das Schicksal der Kinder der Widerstandskämpfer des 20. Juli dokumentiert, eröffnet.
Knapp 200 Gäste, darunter ein Großteil der noch lebenden Kinder von damals, erfuhren in mehrfacher Hinsicht – nämlich aus der der Stadt, aus der des Historikers und aus der des Zeitzeugen, die schicksalhafte Geschichte im Borntal zwischen den Jahren 1944 und 1945.
Bürgermeister Axel Hartmann skizzierte sichtlich bewegt zunächst einmal, wie es nach nunmehr 72 Jahren überhaupt dazu kam, dass dieses Kapitel der Uffestadt genauer betrachtet wurde. Er betonte, dass er aus eigener Erfahrung wisse, dass die Stadt und ihre Einwohner stets ein kompliziertes Verhältnis zu diesem Teil ihrer Geschichte hatten. „Niemand wollte über die Kinder und ihre Schicksale sprechen. Bis heute gibt es im Borntal selbst keine richtige Erinnerungsstätte.“
Idee beim Amtsantritt
Bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren habe er betont, dass er diesen Zustand ändern möchte. Dank der Kontakte zu Günter Winands, Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, habe man es auch geschafft, die notwendigen finanziellen Ressourcen für das Projekt zu erhalten – 80 000 Euro sind in die Ausstellung geflossen.
„Wir setzen hier heute ein Zeichen, dass wir in Bad Sachsa uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen.“ In Richtung der ehemaligen Kinder betonte Dr. Hartmann, dass er im Namen der Stadt um Verzeihung bitte und hoffe, alle in drei Jahren zum 75. Jahrestag des Attentats begrüßen zu können.
Dr. Günter Winands ging in seinem Grußwort ausführlich darauf ein, wie extrem der Wille der Nationalsozialisten gewesen sei, mit der Sippenhaft jede Erinnerung an die Attentäter und ihre Familien auszulöschen. Man habe die Väter getötet, die Mütter in Konzentrationslager gesteckt und die Kinder nach Bad Sachsa verschleppt und ihnen neue Identitäten verpasst. Er dankte, dass es eben Menschen wie die Widerstandskämpfer gegeben habe, die zeigten, dass sich in Deutschland Personen gegen das Regime auflehnten.
Schonungsloser Zeitzeugenbericht
Schonungslos skizzierte Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld im Anschluss, wie er die Zeit in Bad Sachsa erlebt hatte. Mit 15 Jahren war er damals das älteste Kind, das in den Südharz verschleppt worden war. Als am 7. August zwei Männer der Gestapo ihn und seine Familie aufsuchten, habe er sie höflich gefragt, was denn ihr Begehren sei. Völlig verdutzt auf diese Frage hätten diese etwas von einer Ferienreise gemurmelt. Mit dem Zug aus habe ihn seine Reise dann zuerst in das Gefängnis in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern geführt und von dort nach Bad Sachsa.
Im Kinderheim selbst sei ihm vor allem in Erinnerung geblieben, dass man alles daran gesetzt habe, dass die Kinder ihre richtigen Identitäten verleugnen sollten. Dies misslang aber kläglich. „Mein Bruder, der meine alte Lederhose trug, in der mein Name stand, zeigte diese jedem mit dem Hinweis, dass er zwar nicht sagen darf, wer er sei, sie aber ja lesen könnten“, sagte Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. „Für mich war der 20. Juli so etwas wie der Neuanfang meines Lebens. Alles, was bis dato war, wurde auf den Kopf gestellt“, so sein Fazit.
Dank an den Stadtarchivar
Einen detaillierten Bericht speziell darüber, warum die Kinder ausgerechnet nach Bad Sachsa verschleppt worden waren – und zur Ausstellung allgemein – gab Prof. Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die die Ausstellung gemeinsam mit der Stadt Bad Sachsa erstellt hatte. Sein Dank vorab galt vor allem Stadtarchivar Ralph Boehm. „Ohne Sie und Ihre akribische Arbeit hätten wir die Ausstellung in dieser Form nicht realisieren können.“
Tuchel betonte, dass sich Gedenkstätte und Stiftung bereits seit dem Jahr 1994 mit den Geschehnissen in Bad Sachsa beschäftigen. „Man darf nicht vergessen, dass 46 Kinder aus 18 Familien herausgerissen wurden.“ Die Frage, warum die Uffestadt als Ort für die Kinder gewählt wurde, konnte der Historiker ebenfalls beantworten. „Bad Sachsa selbst hat keine Schuld oder Verantwortung in irgendeiner Form.“ Vielmehr sei es so gewesen, dass für die Gestapo, die die angeordnete Sippenhaft umsetzte, im Südharz beste Voraussetzungen herrschten.
Durch den Umzug der Raketenforschung von Peenemünde in den Harz habe man hier einen perfekt abgeschirmten Sicherheitsbereich vorgefunden. Deshalb hätten auch zwei SS-Offiziere, die in der Kommission saßen, die über das Schicksal der Familien der Attentäter entschied, die Vorteile im Harz mitgeteilt, so dass die Wahl auf Bad Sachsa fiel.
Bis zu 200 Kinder sollten kommen
Es sei, so Tuchel, auch geplant gewesen, noch viele weitere Kinder in den Harz zu bringen. „Unseren Erkenntnissen nach sollten bis zu 200 Kinder hier mit neuen Identitäten versehen werden.“ Besonders bewegt habe ihn, dass die Kinder selbst in den letzten Zügen des Nazi-Regimes nicht aus dessen Klauen gelangen sollten.
„Im Februar 1945 kamen noch Kinder ins Borntal-Heim. Selbst in der Phase der Auflösung wollte man diese Kinder für die Taten ihrer Väter bestrafen“, so Tuchel.
„Wir setzen hier heute ein Zeichen, dass wir in Bad Sachsa uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen.“
Von Thorsten Berthold
Die Ausstellung:
Dr. Axel Hartmann, Bürgermeister,zur Ausstellung
Die Ausstellung „Unsere Identität sollte vernichtet werden“ dokumentiert das Schicksal der Kinder der Widerstandskämpfer, die nach dem 20. Juli 1944 nach Bad Sachsa verschleppt wurden.
Auf mehr als 30 Tafeln werden Informationen über die Kinder geboten. Zwei Mediastationen mit ausführlichen biografischen Angaben ergänzen das Angebot. Insgesamt sind mehr als 300 Fotos und Dokumente zu sehen.
In der 1. Etage der Tourist-Information , Am Kurpark 6, ist die Ausstellung werktags von 9 bis 17 Uhr kostenlos zu besichtigen.
Einweihung der Ausstellung zum Gedenken an die „Kinder des 20. Juli 1944“ in Bad Sachsa (22.11.2016, Kursaal)

Friedrich-Wilhelm von Hase,
Dr. Petra Behrens (Konzeption + Texte), Karl Lehmann (Gestaltung der Ausstellung)
[Foto: Ralph Boehm]
„Münchner Illustrierte“ vom 1. August 1959

Ist es nicht süß??!?
Die „Münchner Illustrierte“ publiziert in Folge zum Thema:
„VOLKSGERICHTSHOF“,
mit dem heutigen Untertitel
„Weil General Fritz Lindemann am Attentat auf Hitler beteiligt war, mußte er sterben. Seine Frau wurde verhaftet, die Söhne vom Volksgerichtshof verurteilt. Hitlers Rache machte auch vor der neunjährigen Marie -Louise nicht halt“
Die Sichtweise auf das Attentat ist in Deutschland (West anders als Ost)
nachwievor ambivalent.
Die Sicht auf „Kinder des 20. Juli“ wird in 1959 neu gewesen sein.
In der Bildunterschrift heißt es:
Hitlers jüngste Häftlinge.
Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Marie-Louise Lindemann und Liselotte von Hofacker gehörten zu den Kindern, die Hitler in ein NSV-Lager bei Bad Sachsa im Harz verschleppen ließ.
Ihr einziges „Verbrechen“ hatte darin bestanden, daß ihre Väter gegen den „Führer“ gearbeitet hatten.
(„Münchner Illustrierte“, Nr. 33, vom 01. August 1959, S. 30 bis 33)




Elsa Müller geb. Verch, sie war in den letzten Monaten im Borntal verantwortlich für die Kinder, nimmt mit Datum 09.08.1959 zu diesem Artikel wie folgt Stellung [StABS ohne Nummer]:


75. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler [20. Juli 1944]
20. Juli 2019
[Fotos Ralph Boehm]
Rotes Rathaus und Bendlerblock
Harz Kurier, 25.07.2019
„Regierung gedenkt des deutschen Widerstands“
Bad Sachsas 2. stellver-tretender Bürgermeister Ralph Boehm repräsentierte die Stadt bei Gedenkveranstaltung in Berlin

„20/07/44 – 75 Jahre“
Fassade des Bendlerblocks, Stauffenbergstraße 13-14



Geschäftsführer der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand) eröffnet die

„Ihr trugt die Schande nicht…“
(Die frühe Erinnerung an den 20. Juli 1944).

in der Gedenkausstellung
[Fotos: Ralph Boehm]

Empfang im
Roten Rathaus
Berlin
Fotos:
Ralph Boehm

Wessel Freiherr Freytag v. Loringhoven.




von Lehndorff


Prof. Dr. Johannes Tuchel

vorn mittig: Geschwister von Lehndorff
mittig: Gebrüder von Lohringhoven





Gedenkfeier
Bendlerblock
Berlin
Fotos:
Ralph Boehm






























79. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler [20. Juli 1944]
20. Juli 2023
[Fotos: Ralph Boehm]

Rechts: Foto: Grete Boehm




Wessel und Andreas Freiherren Freytag von Loringhoven



Prof. Dr. Johannes Tuchel




Valerie Riedesel
Freifrau zu Eisenbach Kuratoriums-vorsitzende)







Die Stadt Bad Sachsa beabsichtigt, die Gedenkausstellung
[z.Zt. über der Tourist-Information, Am Kurpark 6, 37441 Bad Sachsa]
an den Ort zu verlegen, an dem die „Kinder des 20. Juli“ in 1944 auf 1945
in Sippenhaft genommen wurden
(November 2025)
Auch in diesem Zusammenhang folgte
Karl Schenk Graf von Stauffenberg
der städtischen Einladung zu einem Impulsvortrag:
„Freiheit braucht Mut zur Verantwortung“
Am 27.11.2025 um 19:00 Uhr, Im Kurhaus Bad Sachsa (Am Kurpark 6)

Vorab Bürgermeister Daniel Quade:
In bewegten Zeiten, in denen in ganz Europa politische Ströme versuchen unsere wehrhafte Demokratie anzugreifen, ist es wichtig, dass wir gemeinsam für diese hart errungene Freiheit der Demokratie einstehen, aber auch an die denken, die dafür gelitten oder sogar mit ihrem Leben bezahlt haben.
Aus diesem Grund arbeiten die Stadt, unser Stadtarchivar & ich seit über vier Jahren sehr intensiv daran,
die bestehende Dauerausstellung der Helden des „20. Juli 1944“ & deren nach Bad Sachsa verschleppten Kinder an den Ort zu verlegen, an dem die Geschichte entstanden ist:
Im „Borntal“ sollen ein Museum & eine Erinnerungsstätte entstehen.
Folgendes Zitat hat mich tief bewegt & dazu geführt, diese Vision mit großen Kraftanstrengungen zu planen, voranzutreiben & für Unterstützer zu werben.
Der am 04. Mai 1945 von der US-Besatzungsmacht ernannte Bürgermeisters Willi Müller (SPD) sagte damals zu den verschleppten „Kindern des 20. Juli“:
„Und jetzt heißt ihr wieder so wie früher, ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden.“
Bürgermeister Daniel Quade eröffnet den Abend.
(Vorabentwurf)
,,Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Ehrengäste,
liebe Gäste,
vor allem: lieber Karl Graf Schenk von Stauffenberg,

wir sind heute hier zusammengekommen – in Zeiten, die uns herausfordern.
In Zeiten, in denen politische Kräfte an den Rändern versuchen, unsere wehrhafte Demokratie ins Wanken zu bringen. Zeiten, in denen Gewissheiten erodieren und Werte, die wir lange als selbstverständlich empfanden, neu verteidigt werden müssen.
Gerade deshalb braucht es Orte wie unser Borntal.
Orte, an denen wir Geschichte nicht nur betrachten – sondern fühlen.
Orte, die uns vor Augen führen, was auf dem Spiel steht.
Orte, die uns daran erinnern, dass Freiheit nie einfach vorhanden ist,
sondern dass Menschen für sie aufgestanden sind, gelitten haben,
ihr Leben riskierten – und verloren.
Die Verantwortung, die uns die Geschichte aufgibt
Seit mehr als vier Jahren arbeiten die Stadt Bad Sachsa, und gerade unser Stadtarchivar Ralph Boehm und ich mit großer Entschlossenheit daran, ein besonders schmerzliches Kapitel der deutschen Geschichte dorthin zurückzubringen, wo es sich nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf dramatische Weise verdichtete: in unser Borntal.
Hier soll ein Museum entstehen.
Eine dauerhafte Erinnerungsstätte.
Ein Ort, der würdigt, was nie hätte geschehen dürfen – und der erzählt, was niemals vergessen werden darf.
Noch befindet sich die Ausstellung in der Tourist-Information. Doch dort ist sie nach unseren Wünschen nur zu Gast.
Ihr Zuhause sollte am historischen, authentischen Ort sein.
Was viele Jahre Vision war, ist heute greifbar nah.
Ein Satz, der für mich alles verändert hat
Es gibt einen Moment, der mich seit Beginn dieser Arbeit begleitet.
Einen Satz, der mich nicht mehr loslässt – gesprochen am 4. Mai 1945 zu den Kindern, die hier im Borntal interniert worden waren.
Der kommissarische Bürgermeister Willi Müller von der SPD sagte zu ihnen:
„Und jetzt heißt ihr wieder so wie früher, ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden.“
Dieser Satz war nicht nur Trost.
Es war eine menschliche Umarmung in einer Welt, die monatelang nur Kälte kannte.
Es war ein Versprechen – und es ist bis heute eine Verpflichtung.
Unsere Verpflichtung.
Aus Respekt vor diesem Mann und seinem Mut hat der Rat der Stadt meinem Vorschlag zugestimmt, im Neubaugebiet eine Straße nach ihm zu benennen: den Willi-Müller-Ring.
Nicht nur wegen dieser Worte – sondern auch wegen seiner großen Verdienste für Bad Sachsa in den Jahren danach.
Das Schicksal der Kinder des 20. Juli
Im Sommer 1944 stürmte die Gestapo das Kinderheim „Bremen“ im Borntal.
Kinder und Schwesternschülerinnen wurden aus ihren Betten gejagt. Vier Häuser wurden hastig hergerichtet – ausgelegt für bis zu 200 Kinder, vom Säugling bis zum Jugendlichen.
Es waren die Kinder der Männer vom 20. Juli 1944.
Kinder von Widerstandskämpfern, deren Mut wir heute als Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses begreifen.
Ihre Mütter wurden als „Sippenhäftlinge“ in Lager und Gefängnisse verschleppt.
Den Kindern nahm man:
Ihre Namen.
Ihre Identität.
Ihre Geschwister.
Ihre Vergangenheit.
Am Ende kamen nicht 200 Kinder hier an – sondern 46.
Nur 18 von ihnen blieben bis Kriegsende im Borntal.
Diese 18 sollten wenige Wochen vor Kriegsende nach Buchenwald deportiert werden.
Ein Luftangriff verhinderte den Transport – und rettete ihnen das Leben.
Als amerikanische Truppen Bad Sachsa erreichten, stellte Bürgermeister Willi Müller die Kinder unter seinen persönlichen Schutz.
Für viele war es der erste Moment von Menschlichkeit nach Monaten der Angst.
Viele dieser Kinder – viele heute leider nicht mehr unter uns – trugen die Narben dieser Zeit ihr Leben lang. Und dass ein Enkel eines dieser Kinder heute hier ist und gleich zu uns sprechen wird, erfüllt mich mit tiefer Demut.
Unser Auftrag: Erinnern – für die Zukunft
Seit 2016 gibt es die Dauerausstellung „Kinder des 20. Juli“.
Sie wird ideell getragen von der Stiftung 20. Juli 1944 und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand – dafür spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus.
Doch diese Ausstellung braucht ihren Ort.
Diesen Ort.
Das Borntal.
Von den historischen Gebäuden stehen nur noch drei. Eines wurde bereits denkmalgerecht saniert. Zum ersten Mal hat die Stadt Bad Sachsa die Chance, eines dieser Häuser zu erwerben.
Eine Chance, die wir nutzen müssen.
Förderung – und eine große Bitte
Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat am 28. September 2023 unser Vorhaben in das Programm „KulturInvest“ aufgenommen und mit 1.130.000 Euro gefördert.
Das Land Niedersachsen hat zusätzlich 300.000 Euro bereitgestellt.
Das sind großartige Nachrichten.
Ein starkes Signal für die nationale Erinnerungskultur.
Doch trotz dieser Hilfe bleiben unsere Möglichkeiten begrenzt.
Deshalb werben wir weiter – ernsthaft, eindringlich und im Bewusstsein des historischen Augenblicks – um zusätzliche Unterstützung.
Nicht für uns.
Nicht für die Stadt.
Sondern für die Kinder, deren Schicksal sich hier erfüllte.
Für die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.
Für unsere Demokratie.
Unterstützung – und der Blick nach vorn
Wir stehen im engen Austausch mit Prof. Dr. Wagner von der Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora. Und wir erfahren die wertvolle Unterstützung der Stiftung 20. Juli 1944 sowie der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
All diese Stimmen sagen unmissverständlich:
Dieses Erinnerungsprojekt ist nicht lokal.
Es ist national bedeutsam.
Und wir haben vielleicht zum letzten Mal die Chance, dass Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die Eröffnung dieses Ortes erleben – vielleicht sogar gemeinsam mit uns den „Baum der Hoffnung“ pflanzen.
Ein Zeichen.
Ein Vermächtnis.
Ein Geschenk an die kommenden Generationen.
Meine Damen und Herren,
Bad Sachsa ist ein Ort der Geschichte – und ein Ort der Verantwortung.
Erinnerung ist keine Last.
Erinnerung ist ein Auftrag.
Wenn wir die Geschichten dieser Kinder erzählen, erzählen wir die Geschichte der Menschlichkeit inmitten der Unmenschlichkeit. Und wir sagen damit klar und deutlich:
Nie wieder.
Nicht hier.
Nicht irgendwo.
Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie heute hier sind und dafür sorgen, dass diese Geschichte nicht verstummt. Auf das, was wir genau geplant haben, werde ich am Ende des Abends nochmal eingehen.
Stadtarchivar Ralph Boehm
schließ an.
(Vorabentwurf)
Erinnerung

Ich erinnere mich…
Fast auf den Tag vor 65 Jahren
Es war Nikolaustag..
Große Freude! Süssigkeiten und
Ich bekam ein kleines Kegelspiel geschenkt.
9 Holzfiguren und eine Kugel, halb schwer/halb leicht.
Vermutlich hatten die Kinder des 20. Juli ebenso ein behütetes Zuhause.
Bis die Nazi kamen, die Kinder abholten und nach Bad Sachsa verschleppten.
Kinder: Nicht wissend, warum sie hier sind,
was ist mit den Eltern – ich will nach Hause.
Das jüngste Kind wenige Wochen alt, vielleicht 60 Zentimeter, Dagmar Hansen.
Das älteste Kind, mit 16 Jahren Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld.
80 Jahre her.
Deutschland tat sich schwer mit der Erinnerung/tut es noch – besser tut es wieder.
Axel Hartmann, Ex-Bürgermeister dieser Stadt, sagte anläßlich der Eröffnung unserer Gedenk-ausstellung vor rund 10 Jahren:
Die Bad Sachsaer haben das totgeschwiegen,
gemeint war die Erinnerung an die Geschehnisse 1944/1945.
Ich denke, das war hier so – wie leider eben auch anderswo.
EX-Bürgermeisterin Helene Hofmann und meinem Vorgänger als Stadtarchivar,
Günter König, ist es zu verdanken, dass Bad Sachsa erstmals 1998 die Kinder des 20. Juli eingeladen hatten. Im Zusammenwirken mit der Forschungsgemeinschaft 20. Juli.
50 Jahre danach…
Einige kamen, unter Ihnen auch Mitglieder der Familie Stauffenberg.
Viel gesprochen wurde nicht.
Es gab in der Folge mehrere Einladungen nach Bad Sachsa. Insbesondere im September 2014.
Wir hatten in den Blauen Salon geladen, rechneten mit 20, vielleicht 30 Zuhörern…
Es kamen nicht 20 – es kamen über 200.
Wir nahmen unsere Stühle in die Hand,
zogen um in diesen Kursaal.
Friedrich-Wilhelm von Hase und Dr. Karsten Hansen, beides „Kinder des 20. Juli“, lasen aus ihren Büchern. – Spannung. Man hätte die vielzitierte Stecknadel fallen hören können!
Am darauf folgenden Tage gingen wir zusammen ins Borntal.
Improvisierten dort kurzum ein Kaffeetrinken, Grillen in Haus 2. Gespräche in offener Atmosphäre.
In diesem September 2014 hatte sich, so habe ich das empfunden, dreierlei verändert:
1) Die Kinder konnten erstmals untereinander über ihre Erlebnisse in Bad Sachsa sprechen
(sie waren zwar zusammen in der Schule, im Urlaub – aber darüber sprechen?)
2) Die Kinder sahen Bad Sachsa nicht mehr nur als das, was sie ehedem haben kennenlernen müssen.
und 3) Die Bad Sachsaer haben diesen Teil der Geschichte als ihren Teil begriffen.
Daran haben wir in der Folge bis heute anknüpfen können.
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Dr. Karsten Hansen hat uns bereits 2023 verlassen…
In diesem Jahr folgte ihm im Juni Albrecht von Hagen…
(mit seiner Schwester Helmtrud stehen wir im Briefwechsel)
und Friedrich-Wilhelm von Hase hat
uns vor 4 Wochen verlassen.
Ich darf Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben
um einen Augenblick innezuhalten in Gedanken an diese Drei,
die jeder auf seine Art, erinnert haben,
stellvertretend für alle Kinder des 20. Juli 1944,
uns erinnern an
die Schrecken des Nationalsozialismus.
Und Sie fehlen uns – menschlich!
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Der Tod ist Teil des Ganzen, Kinder sind es auch, Enkelkinder erst recht!
Ich bin/wir sind gespannt auf Erinnerungen und mehr.
Ich darf Sie bitten, Karl Schenk Graf von Stauffenberg.
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Bürgermeister Daniel Quade zur Veranstaltung am Folgetag auf Facebook:
Was für ein Abend. Was für Worte. Was für ein Moment des Innehaltens
Manchmal kam man Hollywood auch etwas Positives abgewinnen. Der Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise brachte viele jüngere Menschen erstmals oder andere erneut mit dem deutschen Widerstand rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Berührung
Gestern wurde diese Geschichte bei uns lebendig:
Über 180 Besucherinnen und Besucher kamen ins Kurhaus, um den Impulsvortrag von Karl Schenk Graf von Stauffenberg, dem Enkel des Widerstandskämpfers, zu hören. Der Saal war sehr gut gefüllt
Mit großer Offenheit sprach er darüber, wie das Erbe seines Großvaters sein Denken prägt, was Freiheit für ihn bedeutet und wie seine Familie mit dieser mutigen, schweren Geschichte lebt. Sein Fazit hallt nach und war auch Titel des Vortrages:
„Freiheit braucht Mut zur Verantwortung.“
In der anschließenden Fragerunde öffnete er sich weiter. Keine Frage blieb unbeantwortet.
Eine Geschichte berührte mich besonders:
Kurz vor Kriegsende sollten die 18, bis dahin noch in Bad Sachsa verbliebenen, „Kinder des 20. Juli“ der Widerstandsfamilien ins KZ Buchenwald deportiert werden – darunter sein Vater
Ein Luftangriff verhinderte den Transport – und rettete ihnen das Leben
Die Kinder waren jedoch unendlich traurig, nicht nach Buchenwald gebracht zu werden. Man hatte ihnen gesagt, dort würden ihre Familien auf sie warten.
Ein Gedanke, der heute unfassbar bewegt, innerlich aufwühlt, aber damals aus Kindersicht so verständlich war
Mein herzlicher Dank gilt Karl Graf Stauffenberg, Ralph Boehm und all unseren Unterstützern: der Bad Sachsa Holding GmbH, Glückburg Consulting GmbH, dem Landkreis Göttingen, unserer Tourist-Information, dem Romantischen Winkel & unserem Wintersport- & Heimatmuseum
Wir arbeiten mit viel Leidenschaft daran, dass die Geschichte der „Kinder des 20. Juli 1944“ an ihren Ursprungsort zurückkehrt – und im Borntal ein Museum mit Erinnerungsstätte entstehen kann.


