Das Erinnern an den Widerstand

20. Juli 2026

18. Juli 2026
Gedenkkirche
Maria Regina Martyrum

[alle Fotos: Ralph Boehm, andere Urheber werden ausdrücklich genannt] mittig:
Frauke Hansen, Ute Schärmann

Caroline Lauscher
Caroline Lauscher: „Da haben die Dornen Rosen getragen“. [18.07.2026, Foto: R. Boehm]
links im Bild: Frauke Hansen, Ute Schärmann, Grete Boehm

Ein Gespräch mit Kindern von Widerstandskämpfern
„Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute“ mit [v.l.n.r.]: Dr. Tobias Korenke [Moderation]. Dr. Maria Theodora von dem Bottlenberg-Landsberg geb. zu Guttenberg, Helmtrud de Roo geb. von Hagen [als Kind nach Bad Sachsa verschleppt], Dr. Axel Smend, Walter Bonhoeffer
Eine anregende Diskussion – auch mit zum Teil sehr klaren Worten!

19. Juli 2026
Empfang im

Roten Rathaus

Stefan Evers
Prof. Dr. Robert von Steinau-Steinrück (Vorsitzender der Stiftung 20. Juli 1944)
Frauke Hansen mit Sohn Ingo
Volker Hayessen und Gattin
Helmtrud de Roo geb. von Hagen mit Dr. Petra Behrens
Dr. Isabel Traenckner-Probst (Urgroßnichte von Wilhelm Canaris) + Grete Boehm
Carl + Rainer Goerdeler mit Kindern
Grete Boehm (Bad Sachsa) + Ute Schärmann (Referentin Hanns-Seidel-Stiftung)

Aus Bad Sachsa waren an „Kindern des 20. Juli 1944“ mit dabei: Frauke Hansen, Helmtrud de Roo geb. von Hagen, Carl + Rainer Goerdeler, Volker Hayessen.
Dr. Petra Behrens hat u.a. an der Gedenk-Ausstellung in Bad Sachsa entscheidenden Anteil. Aus Bad Sachsa dabei Grete + Ralph Boehm

Gedenkveranstaltung der Bundesregierung
am 82. Jahrestag des
20. Juli 1944

Mittig: Volker Hayessen mit Gattin
Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach + Bildungsministerin Karin Prien
Kimia Asa [vmtl.], Helmtrud de Roo geb. von Hagen,
Dr. Axel Smend
Prof. Dr. Robert Steinau-Steinrück im Gespräch mit BMBFSFJ Karin Prien
Dr. Axel Smend sowie Sandra + Prof. Dr. Robert Steinau-Steinrück
Kranzniederlegung
Carl + Rainer Goerdeler (+ Gattin) mit Kindern
BGM Daniel Quade + Ralph Boehm [beide: Bad Sachsa]
Frauke Hansen mit Sohn Ingo + dessen Freundin, Dr. Isabel Traenckner-Probst, Grete + Ralph Boehm, dazwischen Ute Schärmann

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juli 2026

Fremde Federn:

In wenigen Tagen, am 20. Juli, gedenken wir der Frauen und Männer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Gleichzeitig gewinnen extremistische Kräfte zunehmend an Einfluss. Deren Vertreter relativieren die Verbrechen des
Nationalsozialismus und halten die Beschäftigung mit ihm für einen „übertriebenen
Schuldkult“.

Autoritäre Regierungsmodelle, denen damals nicht wenige Widerstandskämpfer
zunächst selbst verfallen waren, verführen viele Menschen heute aufs Neue. Und wieder negieren wir allzu gerne die gefährlichen Entwicklungen, schauen weg und hoffen, dass es schon nicht so schlimm kommt. Wegschauen und Verdrängen sind aber nichts anderes als mutlose Vermeidungstaktiken.

Extremistische Kräfte appellieren an nationale Emotionen und bezeichnen sich selbst als Patrioten. Wirkliche Patrioten lieben jedoch ihr Land, ohne Fremde zu verachten, Minderheiten auszugrenzen oder Andersdenkende zu verhöhnen. Diese Extremisten sprechen zwar von Gemeinschaft, aber sie spalten die Gesellschaft. Mit ihrer populistischen Rhetorik, die unseren politischen Problemen nicht gerecht wird, aber überwunden geglaubtes NS-Gedankengut und SED-Denken aufleben lässt, vergiften sie das politische Klima. In den Parlamenten nutzen sie die Freiheiten unserer demokratischen Grundordnung, um genau diese einschränken oder abschaƯen zu können. Den politischen Diskurs bestimmen zunehmend Hetze, Verachtung und Hass.
Gerade in dieser Lage kann uns die Erinnerung an den Widerstand helfen: Von ihm
lernen wir für die verantwortliche Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Denn die Frauen und Männer des Widerstands verkörperten Haltungen, die für eine Demokratie lebensnotwendig sind: Engagement, Mut und Anstand. So unterschiedlich ihre Herkunft, ihre Weltanschauungen und politischen Einstellungen auch waren, sie alle setzten sich für die „Wiederherstellung der Majestät des Rechts“ ein, für den Erhalt der Menschenwürde und für die Freiheit der Meinung, des Glaubens und der politischen Überzeugung.

Das Andenken des Widerstands heute lebendig zu halten, bedeutet Haltung zu zeigen: nicht zuzulassen, dass sich in Deutschland wieder Menschenverachtung,
Antisemitismus und fanatischer Nationalismus ausbreiten. Laut zu widersprechen,
wenn Menschen herabgewürdigt oder ausgegrenzt werden. Sich gegen verbale Grobheit in den Parlamenten, die Verachtung demokratischer Institutionen und das höhnische Spiel mit der Grenze des Sagbaren zu verwahren. Zu protestieren, wenn die Geschichte des Nationalsozialismus umgeschrieben und die Erinnerung daran verächtlich gemacht wird. Sich völkischem Gedankengut zu widersetzen und zum nationalen und europäischen Zusammenhalt beizutragen. Als eine Gesellschaft, die sich nach den Erfahrungen zweier Diktaturen den Frauen und Männern des Widerstands verpflichtet weiß, sind wir gefragt, wenn unsere freiheitliche Demokratie bedroht wird. Die Menschen, die für die Freiheit ihr Leben riskierten, sollten uns allen ein Vorbild sein. Die Erinnerung daran lebendig zu halten, zu welchen unvorstellbaren Verbrechen jener Ungeist schon einmal fähig war, fordert uns in unserem Denken und Handeln heraus. Sie stärkt unser politisches Urteilsvermögen und den Respekt vor einer Verfassung, die uns
vor Willkür schützt.

Dietrich Bonhoeffer stellte zur Jahreswende 1942/1943 die entscheidende Frage: „Wer hält stand?“ Wer von uns hält heute stand? Wie viel Kraft verwenden wir zur Bewahrung und Erneuerung unserer Demokratie? Welche Anstrengungen unternehmen wir, um einen Konsens zu finden, statt zu spalten? Was blenden wir aus, statt uns dem Unbequemen zu stellen? Wo fehlt uns der Mut zur Konfronta-tion, zur Entgegnung, aber auch zur Offenheit für andere Standpunkte?

Die Frauen und Männer des Widerstands zeigten nicht nur Mut, Einsatz und
Opferbereitschaft, sondern auch Toleranz, Offenheit und Verantwortung. Sie handelten nicht zuletzt für ein pluralistisches Deutschland in einem friedlichen Europa. Wir erleben heute, wie gewachsene Demokratien weltweit ihre Kraft verlieren und wie leicht sich autoritäre Regime neu etablieren können.

Stellen wir den Lockrufen nach nationalem Egoismus und der phrasenhaften
Deutschtümelei das entgegen, was die Frauen und Männer des Widerstands
auszeichnete: Verantwortlichkeit für unser Land und unsere Mitmenschen, Anstand, Haltung. Und das mit der Zuversicht Dietrich Bonhoeffers, der uns schrieb: Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“
Robert von Steinau-Steinrück,Vorsitzender des Vorstands Stiftung 20. Juli 1944.
Tobias Korenke, Vorstand Erinnerungs-+ Begegnungsstätte Bonhoeffer-Hause .V.
Helmuth Caspar Graf von Moltke, Vorsitzender des Stiftungsrates der Freya von
Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau.
Fritz Felgentreu ist Bundesvorsitzender Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Stellungnahme der Stiftung 20. Juli 1944

„Die wiederholten Vereinnahmungen, insbesondere die jährliche Kranzniederlegung der AfD im Bendlerblock, verletzen viele Angehörige der Frauen und Männer des Widerstands zutiefst. Denn vieles von dem, wofür die AfD steht und was von ihren Vertreterinnen und Vertretern immer wieder gesagt wird, steht im Widerspruch zu den Überzeugungen, für die die Widerständlerinnen und Widerständler gegen das NS-Regime eingetreten sind – und für die viele von ihnen mit ihrem Leben bezahlt haben.

Auch in diesem Jahr haben die Äußerungen und Aktivitäten der AfD im Vorfeld des Jahrestages sowie die Kranzniederlegung im Bendlerblock im Kreis der Angehörigen große Empörung ausgelöst. Die Stiftung 20. Juli 1944 versteht diese Empörung. 

Der Bendlerblock ist ein Ort des Gedenkens an Menschen, die aus sehr unterschiedlichen politischen, religiösen und weltanschaulichen Motiven heraus Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur geleistet haben. Ihr Andenken darf nicht zur Legitimation einer Politik missbraucht werden, die Ausgrenzung, Geschichtsrelativierung und die Schwächung demokratischer Institutionen in Kauf nimmt oder befördert. Die Stiftung 20. Juli 1944 fordert alle gewählten Parteien und Institutionen dazu auf, den Ort und den Willen der Angehörigen zu respektieren. 

Die jährliche Gedenkfeier dient ausschließlich dem würdigen Erinnern an die Opfer und den Widerstand. Sie ist kein Ort für parteipolitische Inszenierungen oder politische Auseinandersetzungen.“

Eine persönliche Anmerkung von Ralph Boehm:
Ich folge den Analysen und Schlußfolgerungen – aber:

Das sind nur leise Worte!
Es müssen dem auch Rufe folgen:

klar und laut!