Hindenburgstraße 6
- davor: Auf der Gemeinde (unbebaut)
- vor 1900: Haus 262 in der Lindenstraße
- um 1900: Lindenstr. 6
- ab 1927: Hindenburgstraße 6
Villa Frind, 1885 erbaut

[Diese Zeichnung, das Schreiben und die folgenden Zeichnungen: StABS/allerdings in sehr schlechtem Zustand]

Die Geschwister Frind stellen am 5. October 1885 das „Gesuch um Ertheilung eines Bau= consenses“ in der damaligen Lindenstraße mit den Worten: „Erlauben uns Wohllöbliche Polizeibehörde die ergebene Anzeige zu machen, daß wir auf unserem neu erworbe-nen Bauplatz auf der Gemeinde (später Lindenstraße, heute Hindenburgstraße) eine Villa bauen wollen.
Die Größe und Dimension ist aus anliegender Zeichnung und Situationsplan ersichtlich. Der Neubau soll in Holzwerk und mit gutem Brandstein ausgefertigt werden, das Dach soll mit Falzziegel und die russ. Röhren (Schornstein) mit Brandsteinen ausgeführt werden.
Bitte unser Wohllöbliche Polizei=Behörde um gütige Ertheilung…“ (StABS).






Die heutige Hindenburgstraße (damals „Lindenstraße“) mit den Nrn. 3 + 4 + 5 (im Bau) + 6.
Steinaer Straße und Brand sind noch unbebaut. Darunter/davor die Schützenstraße
[CDV: Slg. Kirstin Spieß-Lauenstein + Dieter Lauenstein. Mit KI koloriert/aufgehübscht]
Bereits 1887 wird eine Veranda gebaut und weitere 6 Jahre später wird ein „Abortanbau“ über 2 Etagen ausgeführt [wie das Geschäft bis dahin erledigt wurde, wird durch die Akten des Stadtarchivs nicht beantwortet], ab 1927 gibt es „Spülklosetts“! Seit 1905 spätestens empfehlen die Geschwister Frind ihre Wohnungen [s.u., 1. W. Falk/Rüsteberg: Führer durch Bad Sachsa, 1905], 2. um 1930) „dicht am Walde und in unmittelbarer Nähe des Schützenhauses (der guten Verwandschaft gehörig!), mit großem Garten.“


Ottilie Luise Ida Frind bewirbt Mitte der 1920er ihr Fremdenheim mit den Worten: „Bevorzugte Lage direkt am Kurpark. Vorzügliche Verpflegung, gute Zimmer, mäßige Preise.“

Ab wohl 1930, nach einem Auf- und Erweiterungsbau über der Veranda, einem Balkon wird das „Fremdenheim Frind“ beschrieben als: „Haus in der Sonne. Am Kurpark u. Wald. Vorzügl. Verpflegung. Auf Wunsch jede Diätküche. Bad, eigenes Luft- u. Sonnenbad. Bestens empfolen.“ So konnten die Sommerfrischler, die nur die durch Kohleheizung geschwängerte Luft gewöhnt waren, nun auch in diesem Haus im Wintergarten und auf dem Balkon – im Garten sowieso – in bester Luft baden und sich erholen.


Die Familien Frind und Matthießen sind verwandt:
Zum Ende des I. Weltkrieges läßt Torpedo-Kommandant Oberleutnant zur See zur Reserve Walter Frind (Sohn von August Frind jr. und Maria geb. Nicolai, Schützenhaus) in 1918 sein Leben und hinterläßt Ottilie Luise Ida Matthießen [Tochter des Rittergutbesitzers Tettenborn Otto Wilhelm Matthießen und dessen Ehefrau Johanna Christine Ottilie geb. Bethe aus vermutlich Clausthal].
[Im Wintersport- und Heimatmuseum Bad Sachsa befindet sich ein Rahmen mit einem Foto (1907) und den Lebensdaten der Familie Frind.
Diese Kerbschnitzarbeit ist signiert mit „WF“ (Walter Frind)]

1932 geben Pfarrer i.R. Carl Schulze-Noelle sowie Otti Schulze-Noelle, geb. Matthiessen ihre Vermählung bekannt [BSN 07.01.1932] und in den Folgejahren betreiben sie hier eine Pension mit 21 Betten. Zuletzt wird
„Pension O. Frind, Frau Schulze=Noelle“
1949 in einem Prospekt beworben.

Stehend links mein Uropa Carl Schulze-Noelle, neben ihm Gattin Ottilie Schulze-Noelle geb. Matthiessen, 2vl sitzend mein Großmutter Mary (Carls Tochter aus 1. Ehe).
[ca. 1940, Foto: Ulla Bucarey, München. Mit KI koloriert/aufgehübscht]

im Hintergrund mein Urgroßvater, vorne Mitte Otti und rechts neben ihr meine Oma, beide Bilder leider undatiert; sagt Ulla Bucarey, München

Nach rund einem halben Jahrhundert touristischer Arbeit zieht sie sich kurz darauf aus dem Berufsleben zurück und verpachtet wesentliche Teile des Hauses an das Ärztepaar Frau Dr. med. Jäger [Fachärztin für Hautkrankheiten] und deren Ehemann Dr. med. Jäger [Zahnarzt, Facharzt für Mundkrankheiten].
Wohl 1953 überschrieb die Pastorenwitwe das Pensionsgebäude der Stadt Bad Sachsa gegen eine Rente [und wohl Wohnrecht]; sie verstarb am 22.08.1972!
Da hat unsere Stadt lange zahlen müssen. Die letzten Monate lebte Ottilie Schulze-Noelle im Altenheim.
Anmerkungen zur Familie Schulze-Noelle:
Carl Theodor Wilhelm Schulze-Noelle [1872-03.12.1944 in Bethel] hatte 3 Schwestern [* 1869Amalia Elisabeth verh. Wiehe, * 1871-1935 Wilhelmina Maria verh. Herring, und ein Kind, welches vmtl. früh verstarb].
Er war seit 1899 in erster Ehe verheiratet mit Susanna Sophie Julia Benigna Schulze-Noelle [1877 geb. Nieper]. Sie hatten 7 Kinder: Alexander Wilhelm Ludwig „Alex“ Schulze-Noelle, Hildegard Amalie Margarete „Hilde“ Nürnberg geb. Schulze-Noelle sowie und 5 weitere Kinder.
Sie ließen sich 1928 scheiden. Carl war dann in zweiter Ehe ab 1932 verheiratet mit Ottilie Schulze-Noelle [1886 geb. Matthiessen, damals 59 Jahre alt].
[Mehr Informationen zum SS-Oberscharführer und Zahnarzt Dr. Alexander Schulze-Noelle: https://www.obernkirchen-info.de/bergstadt/Ansprache_am_091114.pdf]
Die Stadt Bad Sachsa nutzte dieses Haus als Nebenstelle des Rathauses, als Kurverwaltung und später als Bibliothek und städtisches Museum (seit 1981).
Zum 01.12.1964 zieht die Stadtbücherei vom Rathaus (rechtes Bild) in die Gebäude der Kurverwaltung, in jene Räume, in denen vor einiger Zeit der verstorbene Zahnarzt Dr. Jäger praktizierte [BSN 05../06.12.1964] [Fotos: Quelle unbekannt]


In 2022 wurde das unter Denkmalschutz stehende Gebäude seitens der Stadt an die Familie Goebel veräußert (Hotel Schützenhaus / Vital-Hotel).