Hindenburgstraße 9 – Villa Engel
- davor: Auf der Gemeinde (unbebaut)
- vor 1900: Haus 267 in der Lindenstraße
- erbaut 1892/1893
- um 1900: Lindenstr. 9
- ab 1927: Hindenburgstraße 9

Die Lindenstraße trägt ihren Namen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zu recht; und stolz steht die Eigentümerfamilie auf dem Treppenaufgang und dem rechten Balkon.
„Liebe Frau Berg!“ schreibt Lotte Jeffke nach Berlin, „Hiermit wollte ich Sie nur bitten, mir doch den Kragen zu der Alpaccabluse zu schicken, falls Sie ihn Frida noch nicht gegeben haben. Sie schicken ihn dann noch in einem Brief (Porto 10 Pf.) Meine Adresse ist:
Bad Sachsa, Südharz, Villa Engel.
Aber schicken Sie den Kragen dann bitte als bald, daß Wetter ist nämlich prachtvoll, blos etwas kühl. Recht herzlichen Gruß! Auch von Mieze schönen Gruß. Lotte Jeffke“
[1907, AK: Slg. R. Boehm 944.
Mit KI koloriert/aufgehübscht]


[1929, AK: Slg. R. Boehm 893]
„Villa Engel“
Eduard von Engel, pensionierter „Obertelegraphen-Assisstent a.D.“ und seine Gattin Anna von Engel geb. Hesse hatten vermutlich der Reichshauptstadt Berlin den Rücken zugekehrt und waren dem Werben Bad Sachsas gefolgt. Sie sind vermutlich die „Bauherren“ dieser 1892 auf 1893 erbauten „Villa Engel“. Eduard von Engel sen. verstirbt früh im 52. Lebensjahr in 1895; seine Witwe bleibt hier und führt das Haus als „Fremdenpension“ bis zu ihrem Tode; in jenem Jahre 1930 tritt Eduard von Engel jun. das Erbe an und kommt nach Bad Sachsa.
Eduard von Engel jun. wird Mitbegründer und Vorstandsmitglied
(stellv. Vorsitzender) der am 1. August 1930 im Zusammenhang mit der Zeitschrift „Das Ziel“ gegründeten „Deutschen Wirtschaftsgemeinschaft e.V. [StABS II.9.3 Heft 1, Blatt 102 u. 104]. Diese Arbeit fordert ihn so sehr, dass er den Pensionsbetrieb abwickelt. Im Februar 1932 wird er als Leiter bzw. Redner in einer Versammlung des Freiwirtschaftsbundes F.F.F. (Freiwirtschaft durch Freiland und Freigeld) genannt (BSN 03.12.1932); zur tatsächlich wirtschaftsgeschichtlichen Bedeutung siehe bei „Waldsaumweg 6“ zum Thema „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld.“ (von Silvio Gesell) und „TAUSCHMITTEL des DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSBUNDES“ (Will Noebe).
Hauptziel der Freiwirtschaft ist eine stabile, sozial gerechte Marktwirtschaft. In einem freiwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystem sollen Produktion und Konsum über den Markt vermittelt werden (Marktwirtschaft). Private oder öffentliche Unternehmen tragen das geschäftliche Risiko und erwirtschaften mit dem Kapitaleinsatz eine gewinnabhängige Rendite. Das Geldvermögen ist mit einem Negativzins belegt, wodurch es als „umlaufgesichert“ gilt. Damit soll die Umlaufgeschwindigkeit des Freigelds erhöht werden, wodurch genügend Mittel für Investitionen bereitstünden. Mit dem Freigeld würde sogar ein Absinken des allgemeinen Marktzinsniveaus auf 0 % (oder gar darunter) erlaubt. (Anmerkung: das kommt einem um 2020 doch recht bekannt vor, oder?) Gleichzeitig sollen mittels der Freilandreform die gegenleistungslosen Einkommen, die durch Landbesitz entstehen und sich systemisch nicht eliminieren lassen, an die Allgemeinheit abgeführt und vergesellschaftet werden.
Die Reformforderungen der vor allem in den 1920er Jahren im deutschsprachigen Raum großgewordenen Freiwirtschaftsbewegung werden oft mit „F.F.F.“ zusammengefasst: Freigeld, Freiland, Festwährung.“
Mehr Informationen zu diesem bisher unveröffentlichen Part der Deutschen Wirtschaftsgeschichte finden Sie unter:
DAS ZIEL: Will Noebe in Bad Sachsa

Villa Engel und das Institut Dr. Wildt
Der Oberlehrer Ehrensberger, vermutlich am Pädagogium tätig, schreibt am 18.03.1904 an seinen Vetter Reinhard Ehrensberger, der am „INSTITUT DR. WILDT“ in Nordhausen in der damaligen Osterstraße 17, heute Alexander Puschkin-Straße, erreichbar ist. [Weiterer Beleg aus dieser Korrespondenz aus bereits 1903].
Am 01. Oktober 1919 gibt Benno Wild (sic!) seine 1897 gegründete
„Heil- und Erziehungsanstalt für Entwicklungsgeschädigte“ auf. „Milieugeschädigte und nervenkrankte Verwahrloste“ wurden hier betreut, für 1.000 Reichsmark im Jahr. Wo der eine Mediziner in den ersten, harten Jahren der Nachkriegszeit aufgibt, will ein anderer aufbauen: Dr. Kurt Isemann. Der Doktor und sein „Kinder- und Jugendsanatorium“ werden sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht nur einen Namen machen, sondern einen festen Platz in der Nordhäuser Stadtgeschichte erarbeiten. („Der Albert Schweitzer von Nordhausen – 100 Jahre Kinder- und Jugendpsychatrie“, nzz-online 01.10.2019)
Kurt Isemann (geb. 1. Oktober 1886 in Schiltigheim bei Straßburg; gest. 25. Dezember 1964 in Nordhausen) war Arzt, Neurologe, Psychiater und Sonderpädagoge. Bekannt wurde er als Anthropologe und Heilpädagoge an der Heil- und Entwicklungsanstalt für Entwicklungsgestörte. Isemann war Gründer des Jugendsanatoriums „Dr. Isemann“ in Nordhausen.
Isemanns Leistungen auf den Gebieten Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, aber auch der Psychologie und Heilpädagogik sind in Fachkreisen ganz Deutschlands und des Auslandes gewürdigt worden. Im Oktober 1919 übernahm er die „Wildt`sche Anstalt“ und gründete hier das später bekannte Jugendsanatorium in der Osterstraße – der heutigen Alexander-Puschkin-Straße.
Es war die erste Einrichtung Deutschlands, in der eine Langzeitbehandlung mit fachärztlicher, heilpädagogischer, sonderschulischer und heilgymnastischer Betreuung erfolgte. In den 1920er Jahre leitete er die Ortsgruppe des Deutschen Vereins gegen den Alkoholismus. Isemann hatte einen großen Anteil daran, dass in Nordhausen ein Haus für die Jugend geschaffen wurde, in dem sie basteln, spielen oder sich weiterbilden und alkoholfrei feiern konnten. (Wikipedia, 28.05.2021)

Und Sie fragen mich, was hat das alles mit Bad Sachsa zu tun?
Nun, zum Einen ist mit dieser Karte, die Korrespondenz ging über einige Zeit, ein weiterer Hinweis auf die engen Beziehungen zwischen Nordhausen und Bad Sachsa gegeben; zum Anderen war m.E. Bad Sachsa im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts nicht nur ein Kurort mit besten Luftbedingungen in schönster Natur, in dem sich insbesondere Höhere Beamte, Militärs, Adlige, Rentiers und Pensionäre sowie vermögende Witwen sehr wohl fühlten sondern es wurden auch Kunst, Kultur und alternative Lebensformen in den Südharz gebracht. Insbesondere anthroposophische Ansätze, Reformküche, esotherisches Gedankengut und eine andere Form des Umgangs mit der Nacktheit entwickelte sich auch in Bad Sachsa; zu letzterem:
„Noch lange Zeit nach der politischen Liberalisierung versuchten konservative Kreise das besonders unter urbanen Intellektuellen zunehmend populäre Nacktbaden als Sittenverfall zu bekämpfen. Als Gegenbewegung dazu formierten sich vor allem in Preußen, das traditionell toleranter war als andere Länder des Deutschen Reiches, lebensreformerische und naturistische Nacktkultur (FKK)-Vereinigungen, von denen es bereits 1913 über 50 gab. Der hohe ideologische Anspruch dieser Vereine zeigt sich in Namen wie zum Beispiel „Die neue Zeit“ oder „Bund freier Menschen“. Eine große Zahl der Naturisten jener Zeit kam aus der Wandervogel- beziehungs-weise der Jugendbewegung.“ (Wikipedia, 21.12.2021)
Mehr Informationen in diesem Zusammenhang auf beispielsweise das Sonnen- und Luftbad am Schweinsrücken, die Ansätze in Kronbergs Sanatorium, im Posterholungsheim, den Ziel-Verlag (TELOS), den Verlag von Hermann Haacke, und den Freigeld-Ansätzen finden Sie unter
LEBENSREFORM – Bewegung in Bad Sachsa
Familie Witter und ihr —– unternehmen:

[10.08.1926, 4 Fotos: Slg. Kirstin Spieß-Lauenstein + Dieter Lauenstein.
Mit KI koloriert/aufgehübscht]


STEYER-Cabriolet des Rudolf Witter, Autobetrieb, Telefon 169.
R. Witter steht am Beifahrerplatz


[Foto: Slg. Kirstin Spieß-Lauenstein + Dieter Lauenstein. KI koloriert/ aufgehübscht]

1953, Anzeige
[Peter Beyermann, Facebook 01.12.2018]
oben: Südharzer Kraftverkehr Wilhelm Bock
unten: Auto Witter
Hindenburgstraße 9

[Angebot aus 1960: Slg. R. Boehm]

[Angebot aus 1962: Slg. R. Boehm]

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