Sting-Stein
DAS GANZE DEUTSCHLAND
SOLL ES SEIN
Der Sachsaer Volksmund spricht vom „Stink-Stein“
Aber der Reihe nach:

1945 wurde Bad Sachsa von der Grafschaft Hohnstein und seiner Kreisstadt Nordhausen durch die unüberwindliche und willkürliche Grenze, wenige Kilometer von der Stadt sichtbar und greifbar nahe, getrennt. Bereits Anfang der 1950er Jahre sammelten sich die ehemaligen Nordhäuser und deren ehemaliger Ober-bürgermeister Heinz Sting gründete den Heimatbund „Nordhäuser Heimat-freunde“. Seit 1953 trafen sie sich jährlich in Bad Sachsa. In der Schulstraße, heute steht an selber Stelle der Mühlbrunnen, wurde 1955 unterhalb der Ev. Stadtkirche St. Nikolai der Denkstein mit der mahnenden Aufschrift enthüllt:
„DAS GANZE DEUTSCHLAND SOLL ES SEIN!“
Um 1970 wurde der Stein an den Eingang des „Kurparkes“ beim „Schützenhaus“ verlegt

[1970, Foto: Slg. R. Boehm. Historisch beachte man beim Palmenhaus bzw. Polizeigebäude noch die vorhandenen Original-Fenster und die vollständige Mauer-Einfassung]
„Nach einem einstimmigen Beschluß des Rates der Stadt Bad Sachsa wurde beim Heimattreffen 1972 die Patenschaft der Stadt durch die Überreichung der offiziellen Patenschaftsurkunde [heute im Wintersport- + Heimatmuseum Bad Sachsa zu sehen] für die „Nordhäuser Heimatfreunde e.V.“ übernommen.“ („750 Jahre Bad Sachsa, 1238-1988, Ein Ort erzählt Geschichte…“).
In 1977 erhielt der Denkstein eine schwere Bronze-Tafel, welche dem 1976 verstorbenen Heinz Sting gedachte.
Über den „Landtagsabgeordneten Rechtsanwalt Heinz Sting, der seit Ende Juli 1931 an der Spitze der nationalsozialistischen Bewegung in Stadt und Kreis Nordhausen stand“ (Nordhäuser Nachrichten, Südharter Heimatblätter, hrsg. von Stadtarchiv Nordhausen) und das Anbringen dieser Gedenktafel entstand insbesondere in Bad Sachsa eine ebenso sachliche wie emotionale Debatte; …
Der „STINK“-Stein
„Nordhäuser Mahnstein“
im Kurpark Bad Sachsa
[1977, AK,
Slg. R. Boehm]

..die mit der Aufforderung des Entfernens der Tafel an die „Nordhäuser Heimat-freunde“ erging; insbesondere Selmar Müller, über Jahrzehnte hiesiges Ratsmit-glied, sagte hierzu:
„Meine Familie und ich haben unter den Nazis, unter diesem Heinz Sting in Nordhausen, gelitten! Wie kann es sein, daß einem solchen Nazi hier eine Gedenktafel zugestanden wird!“
DAS ist ein STINK-STEIN!“
Die Tafel wurde eines Tages „entwendet“ und galt lange als verschollen
(sie fand sich später im kleinen Teich im Kurpark, dem Lieblingsplatz von Selmar Müller, dem jeden Montag, dem einzigen Tag ohne Kurkonzert, die Gäste und Einheimischen seiner Musik mit der Waldzither lauschten…).
Das Motto des Denksteins „DAS GANZE DEUTSCHLAND SOLL ES SEIN!“
hat sich in 1989 erfüllt; der Denkstein steht heute in Nordhausen im Garten
des Meyenburg-Museums (ohne Anmerkung bzw. Tafel zu Heinz Sting!
Die wiederum ist heute im Wintersport- + Heimatmuseum Bad Sachsa).
04. September 1955
In der Stadtmitte Bad Sachsas, an der Schulstraße, nahe der ev. Kirche, wird im 10. Jahr der deutschen Teilung der
Nordhausen-Mahnstein
errichtet. Aus diesem Anlaß hält neben Heinz Sting der Bad Sachsaer Bürgermeister Hermann Döbrich eine historische Ansprache.
Der wuchtige Findling trägt auf der Vorderseite als Inschrift
die Worte Ernst Moritz Arndts:
Das ganze Deutschland soll es sein!
und auf der Rückseite:
„Im 10. Jahr der deutschen Teilung errichtet beim Nordhäuser Heimattreffen am 4.9.1955 in Bad Sachsa“
September 1955
Beginn der alljährlichen Treuefeuer nahe der Zonengrenze, zunächst auf dem Burgberg östlich von Walkenried gegenüber Ellrich (damals DDR), danach bei Tettenborn, schließlich regelmäßig auf dem Knickberg oberhalb Bad Sachsas.
(Auszug aus: Rahmendaten zur Geschichte der Nordhäuser Heimatfreunde e.V. – Heimatbund für den Südharz – 1948-1991. Zusammengestellt von Horst Köhler)
04.09.1956, 7. Bundestreffen der „Nordhäuser Heimatfreunde“ in Bad Sachsa


02.09.1957, 8. Bundestreffen der „Nordhäuser Heimatfreunde“ in Bad Sachsa


3. April 1977
Enthüllung einer Bronze-Gedenktafel für Heinz Sting, die am Nordhausen-Mahnstein in Bad Sachsa angebracht worden ist.
Gedenkansprachen von Dr. H. G. Hartmann, P.-O. Kruse und dem stellv. Bürgermeister von Bad Sachsa K.O. Wienecke
[Anm.: fälschlich „Wienicke“]. Die Inschrift der Ehrentafel lautet:
HEINZ STING
1904-1976
ehem. Oberbürgermeister
der Stadt Nordhausen/Harz
Dem Gründer u. Vorsitzenden der Nordhäuser Heimatfreunde e.V.
Heimatbund für den Südharz
in ehrendem und dankbaren Gedenken

28. September 1977 [Harz Kurier]
„Es wäre gut, wenn die Täter, die hier zu Werke gingen, ermittelt und einer gerechten Strafe zugeführt werden könnten.“

März 1988
Nicht die erste,wohl aber die anklagendste Ansprache Host Köhlers bei der Gedenkfeier am Nordhausen-Mahnstein in Bad Sachsa.
(„Laßt uns endlich lernen, über Grenzen hinweg zu denken!
Das Denken ist der schwerste Teil des Überwindens!“)
1. September 1989
Eine fast visionäre Treuefeier auf dem Knickberg bei Bad Sachsa am 50. Jahrestag des Kriegsbeginns.
Die Treueansprache hält Horst Köhler. Nieman ahnt in dieser feierlichen Stunde, die von einer unbewußt wahrgenommenen Eigenart geprägt ist, daß dies die letzte Treuefeier auf dem Knickberg sein wird.
Am 9. November 1989
erfüllt sich, was von allen Mitgliedern der Heimatvereinigung 40 Jahre lang als Traum, Hoffnung und Ziel gegenüber vielen Zweiflern – und von diesen oft belächelt – gläubig vertreten und verteidigt worden ist:
Die Grenze öffnet sich! Ab 12. November 1989 kann wieder frei in Deutschland gereist werden – auch von und nach Nordhausen!
April 1990
Auf einer eindrucksvollen Gedenkveranstaltung am Nordhausen-Mahnstein in Bad Sachsa sprechen der neue Bürgermeister der Stadt Nordhausen, Dr. Manfred Schröter, der Pfarrer der St. Blasii-Gemeinde Nordhausen, Günter Donath und Bürgermeister Hermann Seifert, Bad Sachsa („Bad Sachsa entläßt nun die Nordhäuser Heimatfreunde aus der Patenschaft in ihre Heimat!“)
Die Gedenkansprache des 1. Vorsitzenden Horst Köhler gipfelt in dem historischen Ausruf, der von den Kundgebungsteilnehmern mit großer innerer Bewegung aufgenommen wird: Drüben gibt es nicht mehr!“
03. Oktober 1990
Die staatliche Einheit Deutschlands wird wiederhergestellt.
Farbschmierereien am Nordhausen-Mahnstein in Bad Sachsa von der Hand politischer Wirrköpfe können, dank sofortiger spontaner Spenden vieler Mitglieder des Heimatbundes alsbald beseitigt werden.
April 1991
Das „Kleine Treffen“ in Bad Sachsa -wie in jedem der zurückligenden Jahre.
Am Nordhausen-Mahnstein spricht Peter-Ooto Kruse.
Es wird das letzte Kleine Treffen in der gewohnten Form sein.
Exkurs:
[Quelle ebenso: Rahmendaten zur Geschichte der Nordhäuser Heimatfreunde e.V. – Heimatbund für den Südharz – 1948-1991. Zusammengestellt von Horst Köhler]
Das Nordhausen-Zimmer
1956
Beginn regelmäßiger Gemäldeausstellungen Nordhäuser und Südharzer Malerinnen und Maler (Vorläufer des späteren Nordhausen-Zimmers).
September 1980
Das Nordhausen-Zimmer in Bad Sachsa, unter der Ägide des Ehepaares Kaestner, kann gelegentlich des Heimattreffens wertvolle Neuerwerbungen und Zugänge durch Schenkungen vermelden. (Literatur, Dokumente, alte Nordhäuser Adreßbücher u.s.w.)
(Bei Auflösung des Heimatbundes im Dezember 1991 wurden diese dem Stadtarchiv Nordhausen übereignet.)
1981
Das alte „Haus des Gastes“ in Bad Sachsa wird im Zuge der Um- und Neubauplanung der Kurverwaltung abgerissen. Damit verliert auch das Nordhausen-Zimmer seine Heimstatt.
April 1982
Anläßlich des kleinen Treffens kann das Ehepaar Kaestner den Heimatfreunden das von der Stadt Bad Sachsa ersatzweise zur Verfügung gestellte und von Kaestners liebefoll neu eingerichteten neue Nordhausen-Zimmer im Gebäude der alten Kurverwaltung an der Hindenburgstraße vorstellen.
Es bleibt auf die Dauer ein enger, sehr bescheidener Ersatz für den verlorenen Raum.
April 1990
Heimatfreund Richard Wember übernimmt von Ehepaar Kaestner die Betreuung des Nordhausen-Zimmers in Bad Sachsa.
Das Ehepaar Kaestner tritt in den verdienten Ruhestand.
September 1991
Auf dem 42. großen Heimattreffen in Bad Sachsa beschließt die Mitgliederversammlung im Beisein von Bürgermeister Dr. Manfred Schröter, dem Leiter des Stadtarchivs Dr. Peter Kuhlbrodt und der Leiterin des Meyenburg-Museums Frau Claudia Ehser sowie dem Bürgermeister der Patenstadt Bad Sachsa Hermann Seifert die Auflösung des Nordhausen-Zimmers und die Überführung seiner Sammlung nach Nordhausen ins Stadtarchiv und ins Meyenburg-Museum, ferner beträchtliche finanzielle Zuwendungen an die beiden Institutionen, sowie an öffentliche kulturelle und soziale Einrichtungen in Nordhausen und Bad Sachsa aus dem Vereinsverögen.
Am Ende der Mitgliederversammlung steht der Beschluß, die „Nordhäuser Heimatfreunde e.V. Heimatbund für den Südharz“ in Anbetracht der Entwicklung seit dem
9. November 1989 und dem Bewußtsein, die durch die Vereinssatzung gestellten Aufgaben nunmehr erfüllt zu haben, zum 31. Dezember 1991 aufzulösen…“
Dezember 1991
Räumung des Nordhausen-Zimmers und Überführung der Sammlungen vom 7. September 1991 werden den Begünstigten durch Richard Wember in Bad Sachsa und durch Herwart Höfer in Nordhausen übergeben.
…Keinesfalls unerwähnt bleiben dürfen schließlich die Stolberger mit ihrem (1991 nach Stolberg heimgekehrten) wunderschönen Heimathäuschen in Steina und ihrem daselbst ebenfalls alljährlich stattfindenden Stolberger Treffen und den Gedenkfeiern am Stolberger Stein, die Schützenkompanie von 1420 und die Mitglieder des Gymnasial-Gesangverein (GGV), welche sich alle, jeweils mit eigenen Akzenten, um die Traditionspflege der Nordhäuser und Südharzer verdient gemacht haben.
(Auszug aus: Rahmendaten zur Geschichte der Nordhäuser Heimatfreunde e.V. – Heimatbund für den Südharz – 1948-1991. Zusammengestellt von Horst Köhler)