„Klammerode“ – Familie Lohof und die größte Fabrik der Welt für Wäscheklammern

[1907; Briefkopf, Slg. R. Boehm]

Harzer Holzwaren-Fabrik Gebrüder Lohoff, Tettenborn

„Ein Kapitel regionaler Wirtschaftsgeschichte. Die Eisenbahnlinie Northeim – Nordhausen von 1869 war letztlich entscheidend für die Standortwahl am Bahnhof Tettenborn. Bis zu dieser Zeit betrieb der Kaufmann Gustav Lohoff bereits in Benneckenstein ein florierendes Versand-geschäft mit Haus- und Küchengeräten aller Art, die dort von den zahlreichen Holzhand-werkern in Heimarbeit hergestellt wurden.

[Foto: Slg. Lutz Werner Lohoff, mit KI bearbeitet]

Das Geschäft wuchs. Die manufakturelle Produktion konnte der steigenden Nachfrage immer weniger gerecht werden. Zumal das Buchenholz mit erheblichen Transportkosten belastet war: Es mußte mit Pferdefuhrwerken von seinem natürlichen Standort im Süd- und Ostharz auf den Hochharz transportiert werden. Die Fertigprodukte wurden über die weitreisenden „Benneckensteiner Handelsleute“ an den Verbraucher gebracht.

Circa 1920.
Prospekt Harzer Holzwaren-Fabriken, Gebr. Lohoff, Tettenborn und Benneckenstein
[Thomas Wegener Facebook 22.4.2022]

Zusammen mit seinem Bruder Emil, Apotheker in Magdeburg, reifte der Plan, dort eine industrielle Produktion aufzubauen, wo das Buchenholz sozusagen vor der Tür liegt. So fiel die Wahl auf Tettenborn mit seinem Gleisanschluß.
 Ein weiterer Aspekt für die lohnintensive Produktion war die Standortwahl im Hinblick auf das benötigte Arbeitskräftepotenzial: In den umliegenden Dörfern lebten viele Familien, deren kleine Landwirtschaft nur für das Lebensnotwendigste ausreichte. Bei einer Arbeitszeit von 6 Uhr in der Frühe bis 14.30 Uhr blieb den fleißigen Holzwerkern im Sommer genügend Zeit für Acker, Wiese und Vieh. Von Benneckenstein kamen etliche erfahrene Männer mit hinunter in den Südharz, um mit ihren Familien in Tettenborn-Kolonie zu siedeln und ihr Wissen und Können mit einzubringen.
 Familiennamen wie Gropp, Großheim, Hartung, Ließmann, Hecht, Hendrich, Heyder, Hintze, Wedler u.a. geben uns noch heute Zeugnis vom Pioniergeist und schöpferischen Fleiß, lassen uns die Aufbruchstimmung der Gründerjahre – und die Liebe zum Harzgebirge erahnen, das Heimat und Rohstoffquelle zugleich war.

[Foto: Slg. Lutz Werner Lohoff]

Am 3. Oktober 1903 wurden erstmalig die beiden Wolffschen Dampfmaschinen angefahren. Zwei mächtige Dampfkessel, jeder in den Dimensionen einer schweren Güterzug-Lokomotive. Geheizt wurden sie ausschließlich mit den reichlich vorhandenen Holzabfällen. Über Transmissionsräder, -wellen und -riemen wurde der gesamte Betrieb, inklusive der schweren Gattersägen, mit mechanischer Energie versorgt. Mit der überschüssigen Wärmeenergie beheizte man vor allem mehrere Trockenkammern, in welchen dem an der Luft vorgetrockneten Schnittholz die restliche Feuchte entzogen wurde. Mit der Entwicklung der Elektrizitätstechnik stellte man die Produktion schrittweise auf Stromantrieb um. Mittels Holzgasgenerator erzeugte man den Strom aus Produktionsabfällen. Ein Verfahren, welches im 21. Jahrhundert zu neuen Ehren kommt und zu „nachhaltigem“ Wirtschaften verhelfen soll.

[Foto: Slg. Lutz Werner Lohoff]

1923
„Kaufen jedes Quantum
Buche-, Birke, Erle, Fichten- Rundholz
auch einzelne Stämme.
Harzer Holzwarenfabrik
Gebr. Lohff, Tettenborn.

[BSN 03.02.2023]

Mit der Teilung begann der Niedergang
In den dreißiger Jahren wurde die Stromproduktion zentralisiert (Reichsenergiegesetz). Seit dieser Zeit mußte die Harzer Holzwaren-Fabrik den Strom aus Bleicherode beziehen. Dies bedeutete einen ersten Rückschlag für die Gesamtrentabilität.

Von Tettenborn in die ganze Welt
Die Kriegswirtschaft und die Teilung Deutschlands brachten weitere Rückschläge. Von ca. 350 Beschäftigten, anfangs der dreißiger Jahre, waren noch etwa 55 Arbeitsplätze am Ende der fünfziger Jahre übriggeblieben. Allerdings verlangte auch die Entwicklung auf dem Weltmarkt von Anbeginn eine kontinuierliche Produktivitäts-steigerung.

Es war in erster Linie dem Erfindungs-reichtum des Drechslermeisters Louis Hendrich aus Benneckenstein zu verdanken, einem Bruder des Kunstmalers Hermann Hendrich, dass durch patentierte Produktionsverfahren Millionen von Federklammern und Kleiderbügeln in alle Welt exportiert werden konnten. Um die Jahrhundertwende wurde annähernd der gesamte Weltbedarf dieser Artikel erst in Benneckenstein – und ab 1903 in Tettenborn-Kolonie erzeugt, was Tettenborn den Beinamen „Klammerode“ einbrachte! Das „Hendrichstal“ erinnert uns noch heute an den genialen Konstrukteur und Erbauer zahlreicher Spezialmaschinen, der nach mehreren Firmengründungen in Amerika hier im Harz als Ingenieur seine Bestimmung fand.
Rückschläge durch Krieg und Teilung
Im Endeffekt war die Teilung Deutschlands die Ursache für Mitte der sechziger Jahre das Ende des Unternehmens. Das angestammte Absatzgebiet und die Leipziger Messe konnte nicht mehr bedient werden. Dem jährlichen Ausstoß von bis zu 15 Millionen Kleiderbügeln stand ein reduzierter Absatzmarkt gegenüber, welcher mit traditionellen Wettbewerbern beworben werden mußte. Steigende Rohstoff­ und Arbeitskosten verschärften zusätzlich die Situation.

1965 kam das Ende
Überdies hatte der nachwachsende Rohstoff Buchenholz durch den Kunststoff Konkurrenz erhalten. Im Jahre 1965 rief die weithin zu vernehmende Dampfpfeife die Beschäftigten ein letztes Mal zur Arbeit. Die Feuer in den Kesseln erloschen nach 63 Jahren endgültig.

Glücklicherweise erwachsen aus Trümmern auch neue Chancen: Die Firma Wilhelm Wedler betreibt heute auf dem Gelände ihr modernes Einrichtungsunternehmen.“
( Lutz Werner Lohoff auf https://karstwanderweg.de/publika/harz_kur/lohoff/index.htm)

Logo „3 Tannen“, HARZER HOLZWARENFABRIK TETTENBORN.
Rudimente am ehemaligen Fabrikgebäude in Tettenborn-Kolonie.
[12.08.2012, 3 Fotos: Horst Möller]

Das Logo „3 Tannen“ im Wandel der Zeit

wohl vor 1907
wohl 1907
„Grebüder Lohoff“
1950er Jahre

„Fabrikfest am 4. Okt. 1913
anläßlich d. 10jähr. Bestehens
der Harzer Holzwarenfabr.
Gebr. Lohoff. Tettenborn a. H.“
(AK, Foto: Slg. R. Boehm)

Die Bedeutung dieses Betriebes für die Stadt Bad Sachsa und seine Umgebung ist hier deutlich zu erkennen.
So eignet sich dieses Photo natürlich auch gegenüber den Mitwettbewerbern, u.a. dem „Herrn Fabrikbesitzer Max Scherf“ in „Ansprung b. Zöblitz S.“ im Erzgebirge:

„Geehrter Herr Scherf!
Über Ihre Zeilen v. 19.ten haben wir uns sehr gefreut & sagen wir für freundl. gesandte Glückwünsche unseren besten Dank
Mit bestem Gruß, auch für Ihre Gattin
hochachtend Gebr. Lohoff

29.10.1913
[Foto-AK vs+rs: Slg. R. Boehm]

„Grösste Spezialfabrik des Kontinents für Wäscheklammern, Kleiderbügel etc.“
Bestellung von Kleiderbügeln (z.Zt. in München nicht auf Lager)
und Aermelplättbrettern (ab Fabrik Olbernhau)
Im Jahre 1907 wurden  in einer Annonce erwähnt „Lager in Berlin, Breslau, Bremen, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt a. Main, Fürth i. Bayern, München. Zur Messe in Leipzig: Reichshof, I. Etage.“

15.07.1911 [Firmenkarte vs+rs: Slg. R. Boehm]

Zwischenzeitlich wurden nun auch die heute noch bekannten Wäscheklammern in das Programm aufgenommen
[Auflage November 1913, 20.11.1914 , Firmenkarte: Slg. R. Boehm]

„Größte Spezialfabrik der Welt“
So warben die Gebr. Lohoff in den 1920er Jahren auf bspw. der Messe in Leipzig für Produkte ihrer HARZER HOLZWAREN-FABRIK GEBR. LOHOFF,
TETTENBORN, SÜDHARZ.

1920er Jahre [AK: Slg. R. Boehm]

Auch die Harzer Holzwarenfabrik gab im August 1923 Notgeld heraus in Form von Gutscheinen; bekannt sind mir Gutscheine über 100.000 Mark vom 15. August und vom 30. August sowie der abgebildete Schein über 1 Million Mark.

„GUTSCHEIN der Harzer Holzwarenfabrik Gebr. Lohoff / Tettenborn im Harz / über /
Mark 1.000.000 /
wörtlich: Eine Million Mark /
als Entlohnung infolge der eingetretenen Bargeldknappheit. /
Die Einlösung erfolgt im Verrechnungswege / durch die Städt. Sparkasse, Bad Sachsa. /
Dieser Gutschein hat Gültigkeit zur Einlösung bei der /
Städt. Sparkasse, Bad Sachsa, bis 15. Oktober 1923 /
Tettenborn, den 15. August 1923″

Das Angebot der
Harzer Holzwaren=Fabrik in 1924 finden Sie in der

Preisliste 37, 1924

Das Angebot der
Harzer Holzwaren=Fabrik in 1924 finden Sie in der

Preisliste 38, 1924

Mehr Informationen über die Personen
erhalten Sie unter

Familie Lohoff