Waldsaumweg 20 – Villa Pahlke
Die „Amerikanische Villa“
Professor Albinmüller zeichnete den Entwurf zu diesem Umbau in 1928

VORHER DAS SELBE HAUS NACHHER

[Foto: P. Beyermann, Facebook 1.5.2020]
Baujahr: 1905
Adresse: Erbhai 2
Bauherr: Eduard Wegener, Berlin
Entwurf: Eduard Wegener, Berlin
Ausführung: Baumeister E. Wegener

[AK-Ausschnitt: Slg. R. Boehm]
Umbau: 1928/1931
Erbhai 2, Waldsaumweg 15c
Max Pahlke
Prof. Dr. Albin Müller
Josef Gremm
Die Lage der Villa


- 1905: Erbhai 2: Baumeister E. Wegener aus Berlin beabsichtigt eine Villa [Feuerstelle] zu errichten [ZfdH 20.04.1905], was er auch umsetzt.
- Um 1925 erwirbt Max Pahlke dieses Haus.
- 1925: siehe auch: „Hindenburg-Eiche 1925“, Gedenkstein
- 1935/1936: Waldsaumweg 15c: Max Pahlke, Gen.-Direktor. 318
[Fenrsprechbuch 1935/36]
Vom Bauherren selbst nur wenige Wochen genutzt…
Mit der „Amerikanischen Villa“ sind die Namen von Max Pahlke, Albinmüller und Joseph Gremm verbunden. Der erste war Bauherr, der zweite der entwerfende Künstler und Architekt und der dritte der mit vielen Freiheiten ausgestattete ausführende Baumeister. Dies allerdings geschah erst 1929 auf 1930.
Zunächst war 1905 die Firma Kälz am Zuge und errichtete für den Berliner Baumeister Eduard Wegener eine Villa, die auch heute noch den Kern des erheblich erweiterten Gebäudes bildet. Dessen Ära begann, als der General-direktor der Firma Mannesmann für Südamerika, Max Pahlke, sich die Villa zu seinem Altersruhesitz umbauen ließ. Hierfür engagierte er den herausragenden Jugendstil-Architekten Albinmüller aus Darmstadt. Dieser lebte von 1871 bis 1941 und war zeitweise Leiter der berühmten Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe, die sich, von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt ins Leben gerufen, zu einem Mekka des Jugendstils entwickelte, welches mit weite-ren berühmten Namen wir Josef Maria Olbrich oder Bernhard Hoetger verbunden ist. Albinmüller stand für den ganzheitlichen Ansatz, d.h. seine Hausentwürfe sind von der Fassade über die Fenster, die Treppenhäuser bis hin zur Wandvertäfelung und dem Mobiliar durchkonstruiert. Alles passt zueinander.
Einer seiner Schüler war Joseph Gremm (1905 – 1966), der sich später in Bad Sachsa niederließ und ein Baugeschäft (später Gremm & Niemerg) gründete. Viele Details der „Villa Pahlke“, die ob des amerikanischen Betätigungsfeldes des Eigen-tümers wohl diesen Namen bekam, sind nicht mehr auf Albinmüller, sondern ihn zurückzuführen. Pahlke selbst nutzte das Gebäude nur wenige Wochen, seine Familie deutlich öfter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Pahlke nicht mehr nach Bad Sachsa zurück, sondern blieb in Argentinien. Die englischen Besatzungstruppen nutzen das Haus als Offizierskasino. Pahlke überschrieb es, seiner sozialen Grundhaltung entsprechend, Anfang der fünfziger Jahre der Arbeiterwohlfahrt („Haus Westfalen“).
Der Niedergang des Kurwesens führte 2000 zu einem Verkaufsversuch, welcher fehlschlug, aber diverse Schäden am Haus und einige schmerzliche Verluste, darunter das Gemälde „Das Kreuz im Gebirge“ (eine Kopie nach Caspar David Friedrich, speziell zur Vertäfelung angefertigt), hinterließ. Von 2004-2019 nutzte die AWO das Haus und seine An- und Erweiterungsbauten wieder selbst und stellt es für Tagungen und andere Zwecke zur Verfügung.
Auf der Talseite des Waldsaumweges befinden sich ein Teil des ehemaligen Parks der Villa und mitten darin ein gleichfalls von Albinmüller konzipierter, leider in die Jahre gekommener „Märchenbrunnen“.
Mancher mag mit dem Jugendstil andere Vorstellungen verbinden. Tatsächlich hat er viele unterschiedliche Ausprägungen, und das Bad Sachsaer Ensemble zählt, dies sei nicht übersehen, zu den späten Schöpfungen Albinmüllers, der im Harz noch, wesentlich früher und daher vielleicht auch „typischer“, das Sanatorium Dr. Barner in Braunlage entworfen hat. Auch dieses höchst interessante Bauwerk ist uns erhalten geblieben, während auf der Mathildenhöhe in Darmstadt vieles den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen ist.
Mehr Infos zu den Eignern der
„Amerikanischen Villa“
siehe unter

Der Hühnerstall
Spätestens 1924 erwirbt MAX PAHLKE das Anwesen und „beabsichtigt auf seinem Grundstücke am Waldsaumwege einen kleinen Hühnerstall [durch Baugeschäft H. Kälz, Ringstr. 11] zu errichten.“, der so klein dann aber doch nicht werden sollte: „das Fundament und der Sockel von Beton bezw. von Bruchsteinen hergestellt, die Umfassungswände werden von Holzfachwerk und ausserhalb mit Bret-tern und Deckleisten verkleidet. Das Dach wird mit Brettern verschalt und mit Teer-pappe eingedeckt… Die Bausumme beträgt ca. 250 M.“. Unterschrieben von „Gertrud Schmetzstorff f. Max Pahlke“. Der Bau eines Hühnerstalls war in den 1920er Jahren in Bad Sachsa, insbesondere auf dem Pfaffenberg, nichts Ungewöhnliches. Ob er die Jahrzehnte überstanden hat, ist z.Zt. noch nicht bekannt.

Umbau und Einfriedung der Villa stehen an
Zimmermeister Otto Heise, der „die Zimmerarbeiten zum vorhandenen Wohnhaus z.Z. auch von seier Fa.“ ausführen lässt, sendet diesen Kostenvoranschlag mit Datum 25.01.1928 an Herrn Architekt Prof. Albinmüller, Darmstadt:

ARCHITEKT PROF. ALBINMÜLLER DARMSTADT-KÜNSTLERKOLONIE
ATELIER: ERNST-LUDWIG-HAUS /
FERNSPRECHER: NR. 520 / WOHNUNG: NICOLAIWEG 16
„Es ist wohl mit Bestimmtheit zu erwarten, dass die an dem Grundstück Erbhai 2 vorbeiführende Strasse „Waldsaumweg“ in absehbahrer Zeit reguliert und in einen besseren Zustand versetzt wird. Ich bitte deshalb um gefällige Angabe über die zukünftige Strassenhöhe. Da ich, im Auftrage des Herrn Direktor Pahlke, in aller Kürze mit der Neuerrichtung der Einfriedungsmauer Erbhai 2 beginnen will, so wäre ich für einen baldigen Bescheid besonders dankbar.
Ganz ergebenst Prof. Albinmüller


links: 11.08.1928
ganz links: 25.08.1928
[StABS I.18.2]


Der Plan für den Umbau mit den beiden Signaturen von
Prof. Albinmüller und Max Pahlke
Baupolizeilich geprüft / Nordhausen, den 20.3.28 / Der Kreisbaumeister: Blau.



Eine Kopie des Bauplanes hängt im Wintersport- + Heimatmuseum Bad Sachsa

[Erbhai 2. 1930, 3 Fotos: Slg. M. Wedler]




Baubüro Prof. Albinmüller,
Bauführer Gremm, Bad Sachsa,
Erbhai 2. Telef. 118.
13.XI.29 / An den Magistrat
der Stdt Bad Sachsa
„Beim Fertigstellen der Hofpflasterung … macht es notwendig, um eine bessere Einfahrt zu er-zielen, vor dem Tore ca 50 qm Strasse ebenfalls mit Kleinpflaster zu versehen…“
Baubüro Professor Albin Müller Gremm.

Alle sind zufrieden mit dem, was sie gemeinsam geschaffen haben.
Bauherr: Max Pahlke. Bauführer im Namen des Prof. Albinmüller: Josef „Jupp“ Gremm [oben mittig im weißen Kittel über dunkler Weste].
Aus der Arbeiterschaft ist mir bisher lediglich bekannt der junge Mann in der untersten Reihe 3.v.l.: das „ist mein Opa Otto Polle“ sagt Sascha Schlößer auf Facebook am 06.08.2023.

Aber beeindruckend ist dieser Umbau und die Gestaltung des Geländes mit dem Märchenbrunnen schon (alles entworfen von Prof. Albin Müller, Darmstadt; und umgesetzt durch Joseph Gremm); auch heute noch, obwohl der Waldsaumweg auf Höhe des mittleren damaligen Fußweges dieses Gelände teilt. [ca. 1933; AK, gelaufen 1938, Slg. R. Boehm 3962]
Mehr Informationen zum
Architekten siehe unter

Im Artikel „Berühmte Jugendstilbauten in Braunlage und Bad Sachsa“ wird erstmals über die Zusammenarbeit von Professor Albinmüller und Architekt Josef Gremm in Bad Sachsa berichtet in „Unser HARZ“ 6/2005. Verfasser sind die beiden Mitglieder des Arbeitskreises Stadtgeschichte Margitta Wedler und Prof. Dr. Albreicht Pfeiffer:




Dr. Rausch, Freund der Familie Pahlke, hat seine Gedanken zu Bad Sachsa und insbesondere dieser Villa in gedichtform festgehalten. Dazu genauer unter
Über die direkte Nachkriegszeit berichtet Karl-Heinz Imse in seinen Erinnerungen „Mit 16 Jahren in den Krieg“ u.a.:

„Die Engländer hatten das Schützenhaus belegt… Im Kurpark und Benzindepot. Cafe Haase war Casino für die Mannschaften, die Offiziere hatten Quartiere in Pahlkes Villa bezogen. In der Garage von Wilhelm Bock war die Reparaturwerkstatt für englische Fahrzeuge.“
Und Stadtdirektor Willi Müller hält am 7.11.1947 fest: „Ende Juli dieses Jahres wurden von der Militärregierung auf Grund der verschiedenen Eingaben folgende Häuser, die seit 1945 von der Militärregierung beschlagnahmt waren wieder freigegeben:
1. Jurhotel Schützenhaus, 2. Haus Tannenried, 3. Städt. Kurmittelhaus,
4. Villa Pahlke, 5. Kurkaffee Haase.“. Er berichtet weiterhin:
„Das Haus Pahlke steht noch heute frei, da es in Besitz eines argentinischen Staatsangehörigen ist.“
1951 möchte sich Familie Pahlke von der Villa erstmals trennen.
Josef Gremm vermittelt das Angebot, nach einem Gespräch mit dem Betriebsrats-Vorsitzenden Herrn Claves, an die Herrn Vorstände der
Fa. Siemens & Schuckert in Hannover:










1959: „Es ist Euer Haus“ sagte die Heimleiterin“ des Hauses „Westfalen“ am Waldsaumweg, Frau Elfriede Brodovski, „beim Beginn der Kur zu ihnen. Und es sind unsere Mütter, Mütter des Volkes.“…



Mütterkurheim der Arbeiterwohlfahrt
Bezirk westl. Westfalen
3423 BAD SACHSA (Harz), den….
Waldsaumweg 15
1962 [AK: Slg. R. Boehm]
unten:
1960er [2 AKs: Slg. R. Boehm]



Anbau um 1970 [?]
[AK: Slg. R. Boehm]


„Nun bin ich schon über acht Tage hier in dem schönen Harz. Ich habe es gut getroffen. Ein Zimmer für mich allein. Durch die herrliche Reise und das gute Essen werde ich mich bestimmt erholen. Bis zum 1. Juli bin ich hier. Es war eine schöne Fahrt. Wir wurden von Berlin mit

dem Bus bis hier vor das Haus gefahren. Es steht dicht am Wald. Wir sind hier 60 Frauen, 9 von Bln. Mir gefällt es sehr gut. Die Zeit vergeht schneller als ich dachte, beim Nichtstun.Ich habe eine nette Zimmernachbarin, mit der ich spazieren gehe.
Seit Sonntag haben wir herrlich warmes Wetter, welch Gnadengeschenk. Die Luft bekommt mir sehr gut, hier habe ich keine Herzbeschwerden. Ja die Natur meint es wirklich gut mit mir…“


- 2019: Waldsaumweg 20: Herr Altenbernd verkauft namens der AWO Dortmund das Haus an den Eigner der AOK/Paracelsus [Pfaffenberg 6] zum 01.06.2019



[3x: H.M. Meißner]




Zurück in Bad Sachsa: „50 Jahre Abi-Jubiläum: Ehemalige Schüler des Pädagogiums feiern zusammen“ [HK 23.10.2023] und übernachten im Waldschlösschen [Fotos: Heidrun „Pucky“ Kahla]:

















- 2023: Waldsaumweg 20 + Pfaffenberg 6: Der Eigner verpachtet auf 10 Jahre [mit Option der 2xigen Verlängerung um jeweils 5 Jahre] an die [vmtl.] LAB Landesaufnahme behörde für Flüchtlinge die Villa [hier sollen 100 Menschen untergebracht werden] und die ehemalige AOK/Paracelsus-Klinik [gedacht für 400 Menschen]. Es sollen Gipswände vor die Vertäfelung kommen [!!!???], damit nach Ablauf die Villa wieden in den alten Zustand versetzt werden kann….
Die Ursprüngliche Villa wurde 1905 erbaut; die Fotos stammen aus 1924
[3 Fotos: Slg. Peter Beyermann]:



Weihnachten 1924
oben:
Frau Schmetzstorff
Pahlke
Kleine
Tante Mala
G. Beyermann
„Frau Schmetzstorff vor ihrer Tochter Bild“
Weihnachten 1924