RODEL HEIL!

Holz-Rückeschlitten auf dem Ravensberg
[07.12.2014, Foto: R. Boehm]

Zur Bad Sachsaer Geschichte
des Skilaufens geht es direkt bei:

[Nordhäuser Zeitung, 21.12.1916]


Bad Sachsa war über 8 Jahrzehnte
bedeutender Wintersportort.

Eine Fehlentscheidung läutete den Untergang ein und der Klimawandel,
also wir alle, besorgten den Rest…

„Bekannte Rodelbahn
vom Ravensberg
zu Weihnachten in Betrieb.“
Noch bis in die 1970er Jahre gab es Winter mit Schnee und Eis über über mehrere Monate.
Üblicherweise kam der erste Schnee des Jahres zu Heiligabend und blieb bis Ostern. Besonders schneesicher habe ich den Februar in Erinnerung; zu jenen Tagen war auch der Schmelzteich zugefroren und für das Schlittschuhlaufen und Eisvergnügen frei gegeben.
Die Rodelbahnen vom Ravensberg, wie auch von Eulingswiese, waren super!
So sind die Schmerls mit der Käsehitschen großgeworden.

Um 1918. Kinder mit der „Käsehitschen“, einem einfachen, kleinen Holzschlitten
[Foto: Slg. R. Boehm“]
31.01.1929

Mit dem Hotelier auf dem Ravensberg, Hermann Gänsehals, fing alles an:

Er besorgte aus dem Riesengebirge wohl 13 Hörnerschlitten, mit denen die Touristen nun mittels eines Chauffeurs/Lenkers den Berg hinunterbrausen konnten.

Wintervergnügen um 1910 [AK: Slg. R. Boehm]




Bad Sachsa verfügte mit der längsten Rodelbahn des Harzes (4.600 m) vom Hotel Ravensberg bis in die Stadt [zum Schützenplatz und/oder zum Schmelzteich Haus Bergsegen] wie auch von Eulingswiese hinter dem Pädagogium vorbei über zwei gute Rodelbahnen.

Um 1910. Rodelbahn Eulingswiese [AK, Tom Schäfer, Facebook 18.12.2019. Mit KI aufgehübscht/koloriert]

Sie dürfen in dieser Abteilung Folgendes erwarten:

  • 1) Der lange Aufstieg und schnelle Untergang des Wintersport in Bad Sachsa
  • 2) Der KLEINSCHLITTENsport + der BOBsport
  • 3) Der Schlittschuh-Sport
  • 4) Die Firma Ski-Schäfer
  • 5) Ravensberger Rodelclub + W.S.V. Bad Sachsa
  • 6) Diverse Belege (Urkunden, Medaillen)
  • 7) Einige besondere Ski aus Bad Sachsa

Bitte bedenken Sie, liebe Interessierte, dass diese Seite immer mehr erweitert, verbessert wird – sie aber nie vollkommen sein kann! Und nun „Rodel Heil“!

1) „Der lange Aufstieg und schnelle Untergang des Wintersports in Bad Sachsa“

Dem Bad Sachsaer Kind und Sportler
Karl-Heinz Imse
verdanken wir die folgende Zusammenfassung:

Vor fast 100 Jahren fanden sich unsere Großväter auf dem Ravensberg zusammen, um einen Rodelclub zu gründen.
Zweck des Vereins: „
Die körperliche und sittliche Hebung der Mitglieder„.
Aus kleinsten Anfängen hat sich Bad Sachsa zu einem bekannten und erfolgreichen Wintersportplatz entwickelt. Bereits 1914 führte der „Ravensberger Rodelclub“
[Anm. Ralph Boehm: tatsächlich „W.S.V. Bad Sachsa u. Umgegend“, der 1911 aus dem 1909 gegründeten Rodelcklub hervorging]
die 3. Deutschen Rodelmeisterschaft durch. Sachsa entwickelte sich zur Rodelhochburg.
Nach dem 2. Weltkrieg drängten viele Skiläufer nach, so wurde aus der Rodelgemeinschaft dank unserer Väter ein leistungsstarker Wintersportverein. Waren unsere Väter schon erfolgreich als

2. Deutsche Vereinsmannschaftsmeister, Thüringer Meister, Teilnehmer einer Olympiaauswahl usw., so kamen nun die Erfolge der Jugend: 5x Deutsche Lenkschlittenmeister. Mehrfache Harzer Rodel- u. Lenkschlittenmeister,
eine Vize-Weltmeisterin und mehrere Nationalmanschaftsmitglieder.
Es war eine große Rodelfamilie, die zu Vereinsmeisterschaften 60 Rodler und Rodlerinnen stellte.
Doch die jüngere Skiabteilung stand den Rodlern nicht nach.
Bereits vor dem 2. Weltkrieg entstand die Sprungschanze am Warteberg. 1940 u. 42 stellten die Jungen die Kreismeister des Kreises Nordhausen. 2x nahmen sie an den thüringischen Meisterschaften im Thüringer Wald teil. Einmal sogar an den
„
Großdeutschen Meisterschaften“ in Garmisch-Partenkirchen.
Nach 1945 entwickelte sich der Skisport, in der Hauptsachse das
Skispringen.
Bad Sachsa führte
als erste in der Welt Nacht-Skispringen am Warteberg + später auch auf der großen Ravensbergschanze durch.

Es war schwer, Anerkennung im Harz zu finden.
Schließlich waren wir ja eigentlich Thüringer!
Doch die Springer fanden bald Anerkennung im Harz, wie auch die Rodler.
Die Anforderungen der größeren Sprungschanzen im Harz gaben Anlaß, eine
größere Schanze im schneesicheren Ravensberggebiet zu bauen.
Dank Willi Müller wurde 1950 die große Ravensbergschanze eingeweiht.
So kam Bad Sachsa in die Reihenfolge der Harzorte, die Harzer nordische Meisterschaften durchführten. Auch die alpinen Meisterschaften konnte Bad Sachsa nun durchführen durch die Anlage eines Slalomhanges und der Abfahtsstrecke „Wolfstrift“ . Sachsa stellte Harzer Meister im Skispringen, führte die deutschen Jugendmeisterschaften durch, wurde Träningszentrum der Harzer Springer, stellte bei den
DDR-Empormeisterschaften in Ilmenau den Sieger im Skispringen,
den 2. in der nordischen Kombination und ebenfalls den 2. Platz beim Langlauf der Damen.
Danach folgte das
finnisch-deutsche Vergleichsspringen auf der Ravensbergschanze; folgten viele Siege u. Erfolge der Sachsaer Springer;
der 4. Platz der deutschen Jugendmeisterschaft u. Sieger der Klasse B,
die Jugend drängte nach. Der Aufstieg in die Nationalmannschaft und in den
C. u. D-Kader der Jugend u. Schüler.

Auf dem Höhepunkt des Wintersportvereins folgten die Geschäftemacher, und bauten einen Skilift in den Auslauf der Schanze. Dadruch kam die sportliche Tätigkeit der Springer wie auch der Rodler, denen die Bahn lahmgelegt wurde,

zum Erliegen.
Der gesamte Vorstand, mit einer Ausnahme, trat zurück, um den verantwortlichen Stadtvätern zu weisen, welchen falschen Weg sie durch diese Maßnahme einschlugen. Die Totengräber hatten ihr Ziel erreicht. Der Wintersport kam zum Erliegen.
Die Liftnachfolger gaben dem Sport auch keine Chance.
Als der damalige Bürgermeister versuchte, ein Skigymnasium nach Bad Sachsa zu holen, war es sein Stellvertreter u. Liftbesitzer, der diese Möglichkeit vereitelte.

Die Vereinsvorstände hatten auch keine Möglichkeiten, die sportlichen Tätigkeiten im Verein wieder zu beleben. Die Angebote des Kultusministeriums [Anm.: des Bundeslandes Niedersachsen] in Bad Sachsa die fehlende Großschanze u. Bobbahn zu bauen, fiel auch den Liftbetreibern zum Opfer.
So trägt man sich im Wintersportverein mit dem Gedanken, den Verein aufzulösen.
Armes Bad Sachsa.
Nachdem die kleine Sprungschanze, ohne den Zuschuß von 3.000 DM an das Land Niedersachsen zurückzuzahlen, abgebrochen worden ist, fehlt nun nur noch, dass auch die große Schanze beseitigt wird. Wert: ca. 70.000 DM.
Ratsherren und städtische Bedienstete sind dem Bürger verpflichtet.
Gilt das auch für Bad Sachsa?“

(Leicht an die heutige Sprache angepaßt durch Ralph Boehm, 21.12.2024)

2) Der KLEINSCHLITTENsport + der BOBsport

Der Kleinschlittensport

Unter Kleinschlitten versteht man üblicherweise einen Skeleton, den Rennschlitten [Rennrodel] und den Lenkschlitten.
Diese 3 Sportarten hatten, genau wie der Grossschlitten Bob, ihren eigenen Verband, und zwar den Deutschen Rodelbund [DRB],
welcher 1911 von 5 Clubs gegründet worden war
[Bad Sachsa, Dresden, Hannover, Hildesheim und Ilmenau].
Die Auswirkungen des II. Weltkrieges brachten eine neue Organisation des Sports im geteilten Deutschland. In der jungen BRD wurden Bob, Rodeln und Skeleton in 1949 zum Deutschen Bob- und Schlittensportverband (DBSV) zusammengefasst.
In der DDR gründete sich 1953 in Oberhof die Skeleton, Bob- und Schlittensport, 1957 dann in Ostberlin der Deutsche Schlitten- und Bobsportverband (DSBV). Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung fusionierten in 1990
der DSBV mit dem DBSV,
seit 2000 Bob- und Schlittenverband für Deutschland (DSB).

[„BOB Chronik-50 Jahre Bob- und Rennschlittensport“,
Hrsg: F. Brunner im Auftrag des DBSV, 1953. Abgerufen 06-2009]

Skeleton

Rennschlitten
Lenkschlitten

III. Deutsche Rodel-Meisterschaften

werden 1914 von
Frauen UND Männern gemeinsam
in einem Lauf in
Bad Sachsa ausgetragen

03.01.1914. [H. Löhnis, Phot.]

Deutsche Rodelmeisterschaft 1914.
Bad Sachsa 3-5. Jan.

Start des Ausscheidungsrennens

Am schnellsten fuhren:
Adolf, Schreiberhau 7 Min. 21 Sek.
Raupach, Schreiberhau 8 Min. 54 Sek.

Personen: ganz links Apel (Ziegelei Osterhagen)
3: Brömel / 14: Herm. Gänsehals / r. daneben: Herm. Döbrich / dahinter Otto Löhnis
4: Hoffmann / Hinter 8: Müller / 1 Emil Lohoff / Dahinter 6: Emil Schwab
Rechts daneben: Max Eckstein / Rechts dahinter: Karl Deibel
Rechts daneben: Adolf-Schreiberhau / 2: Raupach-Schreiberhau
Rechts davon: Osterroth-Leipzig / 11: Herm. Wedler

Das Starterfeld bestand aus Frauen und Männern !
[das Foto zeigt nicht alle Teilnehmer/innen]. Insbesondere verzichtete der damalige Chronist auf die Aufzählung der Damen (vgl. z.B. Nr. 16) und die überregionalen haben es einfach nicht hinterfragt.

Zuschauer an der Strecke [Regenschirme!] [Foto: Slg. R. Boehm]
Zuschauer am Ziel [Regenschirme!]
Im Hintergrund „Haus Bergsegen“ am Schmelzteich. [Foto: Slg. R. Boehm]

Die deutsche Rodelmeisterschaft am 4.1.1914 gewann
Wilhelm Raupach, Schreiberhau
2. Preis: Adolf, Schreiberhau
3. Preis. Osteroth, Leipzig

„Rennen um die 3. Deutsche Rodelmeisterschaft.
Um die deutsche Rodelmeisterschaft wurde in diesem Jahre der Wettkampf auf der 3400 m langen Ravensberger Bahn in Bad Sachsa im Südharz ausgetragen.

Gemeldet hatten sich 34 Teilnehmer, darunter 2 Damen. Während am Start auf dem Ravensberge, den unsere hier wiedergegebene Aufnahme zeigt, Schnee und Eis lagen, regnete es am Ziel im Tale unten. Der zweite Teil der Bahn wurde hierdurch bald weich und es konnten daher keine sehr guten Zeiten erzielt werden. Sieger wurde Wilhelm Raubach aus Schreiberhau.“
[Illustrierte Weltschau Nr.3, 18.01.1914, Sonnagsbeilage zum Schwäbischen Merkur, S.4]

„2. PREIS DAMEN-EINSITZER-RODELN BAD SACHSA 1914“.
Vermutlich zur III. Deutschen Rodelmeisterschaft ausgegeben,
Entwurf Paul Juckoff-Skopau.
(Slg. Ralph Boehm)


Leserbrief
einiger gebürtiger Sachsaer.
„… Gibt es nicht auch Sachsaer, die gern einmal rodeln möchten, aber leider zu sehr mit dem Gelde rechnen müssen! Wo ist für diese die Rodelbahn? Wieviel Sachsaer…

…würden Sonntags gern einmal rodeln, jedoch ist ja dieses nicht möglich; denn die Ravensberger Rodelbahn ist ja wegen Wettrodeln gesperrt und außerdem kostet es ja auch Benutzung und Zutritt. Als alte Sachsaer sind wir der Ansicht, daß im Interesse unserer heranwachsender Jugend dem Sport in jeder Weise mehr Verständnis entgegengebracht werden muß.“
[Quelle bisher nicht bekannt]

BSN 15.01.1925
Der Vorstand wurde neu gewählt:
1. Vorsitzender: Dr. Haupt
2. Vorsitzender: Herr Döbrich
Schriftführer: Kahlenberg
Kassenwart: Herm. Wedler
Sportwarte: Frind, Dr. Markmann, Ferd. Seiert,
W. Bergmann
Skiwarte: Dr. Daimler, Frl. Potthoff, G. Creutzberg, Genth, Schacht
Pressewarte: Kamphenkel, Hopf
Beisitzer: E. Camin,Dr. Matthiae, O. Heise, Kühn, Hermann Nürnberger, Friedrich Brömel, P. Camin.

„Ferner erfolgte Mitteilung über das Ausscheiden des Vereins aus dem Deutschen Rodelbund. Nach den Satzungen des Rodelbundes dürfen Rennen über 3.000 Mtr. nicht stattfinden. Die Ravensberger Rodelbahn beträgt jedoch 4.500 Mtr. Selbst interne Rennen sollen dem Bunde einige Tage vorher angemeldet werden, was für dne Veranstalter eine etwas zu weitgehende Verpflichtung bedeutet. Ein Rodelkorso soll auch in diesem Jahre wieder stattfinden, vorausgesetzt natürlich, daß uns das dazu erforderliche Schneewetter noch bescheert wird. Jeder, der daran teilzunehmen gedenkt, hat also genug Zeit und Muße, etwas Schönes vorzubereiten. Sodann sei auch an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, daß das Befahren der Rodelbahn für jegliches Fuhrwerk, auch Handwagen, strengstens verboten ist. Im Interesse des Rodelsports sei diesem Verbot ganz besondere Beachtung empfolen.“

1931: Nordwestdeutsche Rodelmeisterschaft auf der herrlichen
Ravensberger Naturbahn. [BSN 10. bis 13.01.1931]:

Herren-Einsitzer:
1. Herr Dr. Deimler
2. Herr G. Creutzberg
3. Herr W. Krieghoff

4. Herr Pfaue (Schierke)

Damen-Einsitzer:
1. Frl. Winkler (Schierke)
2. Frl. Riemenschneider
3. Frl. Hansen (Schierke)
4. Frl. Nürnberger
5. Frau Dr. Deimler

Doppelsitzer:
1. Rosenbusch-Geister (BRL)
2. Dr. Deimler-Creutzberg
3. Schäfer-Beyermann
4. Witter sen. u. jun.

Fett = WSV Bad Sachsa

BSN 12.12.1931
Die Rodel-Mannschaft konnten von allen Bezirksrennen siegreich heimkehren und gilt als die beste des Bezirks Nordwest-Deutschland.
Der Vorstand wurde neu gewählt:
1. Vorsitzender + Schriftführer: Major Kleemann
2. Vorsitzender: Herr Döbrich

Kassenwart: W. Krieghoff
Pressewart: E. Kamphenkel
Beisitzer: Zänglein, Wedler, Seiert, Witter, Brömel, Heise
Rodelwarte: Creutzberg, Krieghoff, K. Witter sen.
Skiwarte: Gelpke, Kühn, Fr. Schäfer.
Ueber eine neue Rodelbahn (Kunstbahn) vom Pfaffenberg herunter durch die Schonung zum Schützenhaus wurde noch lebhaft diskutiert. Der Verein will dieses Projekt gern fördern…


BSN 12.12.1931